Der Einwand
Ein Messias kann vor seiner Geburt in Gottes Plan feststehen. Warum sollen Aussagen über seine vorweltliche Herrlichkeit beweisen, dass er damals bereits persönlich existierte?
1. Vorherbestimmung ist nicht schon persönliche Präexistenz
Ein Plan kann bestehen, bevor die geplante Person geboren wird. 1. Petrus 1,20 unterscheidet Vorhererkenntnis und geschichtliches Offenbarwerden. Man darf deshalb nicht aus jedem „vorher“ unmittelbar eine bewusste frühere Existenz ableiten.
Entscheidend ist, welche Verben und Beziehungen der jeweilige Text nennt. Wird etwas beschlossen, oder handelt und steht jemand bereits in einer persönlichen Beziehung? Diese Frage lässt sich nicht durch ein einheitliches Etikett für alle Texte ersetzen.
2. Johannes 17 spricht von besessener Herrlichkeit beim Vater
Jesus bittet um die Herrlichkeit, die er beim Vater hatte, bevor die Welt war. Die Aussage verbindet einen früheren Besitz mit einem persönlichen Gegenüber. Vers 24 nennt dazu die Liebe des Vaters zum Sohn vor Grundlegung der Welt.
Man kann versuchen, beide Aussagen ausschließlich als vorweggenommenen Plan zu lesen. Dann muss aber erklärt werden, warum der Text die Sprache bereits bestehender gemeinsamer Herrlichkeit verwendet. Die Möglichkeit vorwegnehmender Rede an anderen Stellen ist noch kein Beleg, dass hier genau diese Redeweise vorliegt.
3. Johannes 1 verbindet den Logos mit dem Entstehen aller Dinge
Der Logos ist im Anfang bereits da; alles Gewordene entsteht durch ihn. In Vers 14 wird dieser Logos Fleisch. Die Bewegung des Textes führt damit vom vorweltlichen Logos zur Menschwerdung, nicht von einem abstrakten Entwurf zu einem zuvor nicht existierenden Träger.[3]
Auch Kolosser 1 stellt Christus vor alle Dinge und verbindet ihr Bestehen mit ihm. Die gemeinsame Erklärung dieser Texte muss mehr leisten, als einen einzelnen Satz möglicherweise metaphorisch zu verstehen. Sie muss die durchgehende Verbindung von vorweltlichem Sein, schöpferischem Wirken und Menschwerdung erklären.
4. Die Gesprächspartner müssen genau unterschieden werden
Die hier angeführte biblisch-unitarische Selbstdarstellung verlegt Jesu Lebensbeginn in Gottes Wirken an Maria.[1] Christadelphische Bekenntnisse besitzen ein eigenes Lehrprofil und dürfen nicht in allen Einzelheiten damit gleichgesetzt werden.[2] Auch „Socinianer“ ist kein austauschbarer Name für jede heutige Gruppe.
Für die Frage nach Jesu vorweltlicher Existenz bleibt die konkrete These der bloßen Planexistenz entscheidend. Sie kann einzelne Vorausbestimmungsaussagen erklären. Als Gesamterklärung der johanneischen Texte bleibt sie jedoch hinter deren personaler und schöpfungstheologischer Sprache zurück. Der Sohn ist nicht erst Gottes verwirklichter Gedanke über einen Menschen; er ist der Logos, der Mensch wurde.
5. „Der Vater allein“ und „der Geist als Kraft“
Biblischer Unitarismus und Christadelphianismus besitzen jeweils eigene Lehrprofile.[1][2] Ihre hier entscheidenden Behauptungen sind einzeln zu prüfen. Aus „ein Gott, der Vater“ in 1. Korinther 8,6 folgt nicht, nur eine Person könne göttlich sein. Sonst müsste nach demselben Ausschlussverfahren „ein Herr, Jesus Christus“ dem Vater das Herrsein absprechen. Entscheidend ist der Zusatz: Alle Dinge sind durch Jesus Christus. Paulus unterscheidet Vater und Sohn innerhalb der Beschreibung des Schöpfungswerkes; er setzt Jesus nicht unter dessen Ergebnisse.
Auch „Geist“ ist im Neuen Testament nicht durchweg ein anderes Wort für unpersönliche Macht. In Johannes 14–16 unterscheidet Jesus den anderen Beistand von sich und vom Vater; in 1. Korinther 12,11 wirkt dieser nach seinem Willen. Die Möglichkeit einer Personifikation genügt nicht, um die beständigen Beziehungen von Sender, Gesandtem und Zeugen zur bloßen Sprachfigur zu erklären. Eine Gesamterklärung muss daher drei Fragen beantworten: Wer schafft, wer war vor der Welt beim Vater, und wer erkennt, will und bezeugt? Das Modell „ein menschlicher Messias in Gottes Plan und eine unpersönliche Kraft“ wird diesen Aussagen nicht gerecht.
6. Der socinianische Einwand gegen zwei Naturen
Der Rakauer Katechismus formuliert den Einwand schärfer als einen bloßen Hinweis auf Jesu Menschsein: Göttliche und menschliche Eigenschaften seien entgegengesetzt; ihre Verbindung in einer Person sei daher widersprüchlich. Außerdem konstituiere jede der beiden vollständigen Naturen bereits eine Person.[4] Die zweite Behauptung ist jedoch eine zusätzliche metaphysische Voraussetzung. Sie ist nicht durch die erste bewiesen.
Ein Widerspruch läge vor, wenn Christus in derselben Hinsicht zugleich geschaffen und ungeschaffen wäre. Die christliche Aussage lautet genauer: Der ewige Sohn besitzt die ungeschaffene göttliche Natur und hat eine geschaffene menschliche Natur angenommen. Sie behauptet weder, seine Menschheit sei ungeschaffen, noch, seine Gottheit sei ein Geschöpf. Naturen werden nicht miteinander identifiziert. Johannes 1,14 schreibt dem schon zuvor bestehenden Wort das Fleischwerden zu: Dasselbe persönliche Subjekt tritt in ein wirklich menschliches Leben ein. Der Text bietet damit einen Grund, zwischen dem Handelnden und den Weisen seines Daseins zu unterscheiden.
Das erklärt nicht erschöpfend, wie die Einheit beider Naturen besteht. Es zeigt aber, warum der behauptete formale Widerspruch nicht folgt. Wer jede vollständige menschliche Natur von vornherein mit einer zweiten, selbstständig bestehenden Person gleichsetzt, schließt die Inkarnation bereits durch seine Definition aus. Er muss diese Voraussetzung erst begründen, statt sie als Ergebnis der biblischen Prüfung auszugeben.
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- BiblicalUnitarian.com, What Do Biblical Unitarians Believe?Eigene Lehrdarstellung: Der Vater allein ist Gott; Jesu Leben beginnt durch Gottes Wirken in Maria.
- Christadelphian Statement of FaithArtikel 1–2 und 9–10: eigenes christadelphisches Lehrprofil.
- Robert L. Reymond, A New Systematic Theology of the Christian FaithJohannes 1,1–3 und die persönliche Präexistenz des Logos, S. 299–305.
- Rakauer Katechismus, englische Übersetzung von Thomas Rees, 1818Abschnitt über die Person Christi, gedruckte S. 55–57 (PDF-S. 179–181): Einwand entgegengesetzter Eigenschaften und Behauptung, göttliche wie menschliche Natur konstituierten jeweils eine Person.