Der Einwand
In Johannes 1,1 steht theos ohne bestimmten Artikel. Könnte das Wort daher „ein Gott“ unterhalb des höchsten Gottes sein – oder nur Gottes zunächst unpersönlicher Plan?
1. Ein fehlender Artikel bedeutet nicht automatisch „ein“
Das Griechische besitzt keinen unbestimmten Artikel, der einfach dem deutschen „ein“ entspräche. Ein Substantiv ohne bestimmten Artikel ist deshalb nicht automatisch unbestimmt. Schon Johannes 1,6 spricht ohne Artikel von Gott als dem Sender des Täufers. Auch in 1,12–13 bezeichnet theos ohne Artikel den wirklichen Gott.
In 1,1 ist „das Wort“ durch seinen Artikel als Satzgegenstand erkennbar. Das vorangestellte theos sagt, was dieses Wort ist. Seine qualitative Bedeutung beschreibt volle Gottheit, nicht eine abgeschwächte Ähnlichkeit mit Gott. Die sogenannte Colwell-Regel darf dabei nicht als Automatismus verwendet werden: Erst die Satzstruktur und der Zusammenhang entscheiden die Auslegung.[1]
2. Was schon war, steht allem Gewordenen gegenüber
Johannes setzt drei Aussagen nebeneinander: Das Wort war im Anfang, es war bei Gott, und es war Gott. In Vers 3 folgt dann das Entstehen aller Dinge durch das Wort. Diese Gegenüberstellung ist der entscheidende Gedankengang: Das Wort gehört zu dem, was beim Anfang bereits ist; die Schöpfung gehört zu dem, was durch dieses Wort wird.[2]
Wäre das Wort selbst ein gewordenes Wesen, gehörte es zur Gesamtheit dessen, was durch das Wort geworden ist. Es müsste dann an seiner eigenen Entstehung mitwirken. Der Text verhindert diese Ausnahme ausdrücklich durch die negative Ergänzung, dass ohne das Wort nicht ein einziges gewordenes Ding entstand. Die Schöpfer-Geschöpf-Grenze verläuft zwischen dem Wort und allen gewordenen Dingen, nicht zwischen dem Vater und dem Wort.
3. „Bei Gott“ schützt die personale Unterscheidung
Die volle Gottheit des Wortes bedeutet nicht, dass das Wort der Vater wäre. Es ist bei ihm. Johannes 1,14 identifiziert dasselbe Wort als den, der Fleisch wurde; Vers 17 nennt Jesus Christus. Der Prolog erzählt nicht, wie eine abstrakte Idee irgendwann zu einem von ihr unabhängigen Menschen wurde. Er spricht durchgehend von dem Wort, das schon war und nun Mensch wurde.
Die persönliche Lesart wird im Evangelium bestätigt: Der Sohn erinnert an die Herrlichkeit, die er beim Vater vor der Welt hatte, und an dessen vorweltliche Liebe (17,5.24). Ein bloßer Plan liebt nicht und besitzt keine Herrlichkeit beim Planenden.
4. Der Prolog bestimmt, wie Jesus zu lesen ist
„Ein Gott“ im Sinne eines niedrigeren göttlichen Wesens löst die Spannung nicht. Diese Übersetzung trägt ein Stufensystem in einen Text ein, der gerade alle Schöpfung vom ungeschaffenen Wort unterscheidet. Und „nur ein Plan“ erklärt weder den personalen Zusammenhang noch die Menschwerdung desselben Wortes.
Johannes beginnt sein Evangelium mit einer Leseanweisung für alles Weitere: Der Jesus, der hungert, leidet und stirbt, ist das ewige Wort in wahrer menschlicher Existenz. Seine Erniedrigung widerlegt die Anfangsaussage nicht. Sie zeigt, wie weit der Sohn geht, ohne aufzuhören zu sein, wer er ist.
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- NET Bible, Übersetzungsanmerkung zu Johannes 1,1Qualitativer Sinn von theos und Grenzen der Colwell-Regel; keine Ableitung von „ein Gott“ allein aus dem fehlenden Artikel.
- Robert L. Reymond, A New Systematic Theology of the Christian FaithKap. 8, „John 1:1“, S. 299–301: Präexistenz, Schöpfung und Menschwerdung.