Der Einwand
Kolosser 1,15 nennt Jesus den Erstgeborenen aller Schöpfung. Gehört der Erstgeborene nicht zu der Gruppe, deren erster er ist? Dann wäre Jesus das erste und höchste Geschöpf.
1. Paulus liefert selbst die Begründung
Vers 16 beginnt begründend: Christus ist Erstgeborener, weil in ihm alles erschaffen wurde. Paulus erläutert den Titel also nicht mit „weil er zuerst erschaffen wurde“. Er verweist auf Christi Verhältnis zur gesamten erschaffenen Wirklichkeit. Der folgende Satz muss die Lesart des Titels bestimmen, statt durch eine vorher festgelegte Definition eingeschränkt zu werden.
2. Erstgeburt bezeichnet auch Rang und Erbrecht
In Psalm 89,28 wird der davidische König zum Erstgeborenen eingesetzt und damit zum Höchsten unter den Königen. Es geht erkennbar nicht darum, seinen Geburtstag nachträglich vorzuverlegen. Auch Israels Bezeichnung als Gottes erstgeborener Sohn in 2. Mose 4,22 beschreibt eine besondere Bundesstellung.
Diese Beispiele beweisen nicht schon die Bedeutung jeder einzelnen Stelle. Sie widerlegen aber die Behauptung, „Erstgeborener“ müsse immer das zeitlich erste Mitglied einer Klasse bezeichnen. Ob Rang oder zeitlicher Ursprung im Vordergrund steht, entscheidet der Kontext.[1]
3. Die umfassenden Aussagen lassen keine Engelklasse neben ihm übrig
Paulus nennt Sichtbares und Unsichtbares, Throne, Herrschaften und Gewalten. Gerade die Mächte, denen man Christus als höchstes Mitglied zuordnen möchte, gehören zu dem, was durch ihn erschaffen wurde. Alles besteht durch ihn; alles ist auf ihn hin geschaffen. Er ist vor allem.
Wer „alle anderen Dinge“ liest, macht Christus zuvor zu einer Ausnahme. Ein entsprechendes Wort für „anderen“ steht nicht im griechischen Satz. Ergänzungen können in Übersetzungen sinnvoll sein, müssen aber aus dem Zusammenhang begründet werden. Hier würde gerade die Ergänzung den strittigen Schluss bereits voraussetzen.
4. Schöpfung und neue Schöpfung erklären seine Vorrangstellung
Vers 18 nennt Christus außerdem den Erstgeborenen aus den Toten und erläutert das Ziel: In allem soll er den Vorrang haben. Das verbindet seine Stellung über der Schöpfung mit seinem Hauptsein über die Gemeinde. Die Argumentation zielt auf umfassende Überlegenheit, nicht auf die Einordnung in eine Reihe geschaffener Helfer.
Der Einwand lebt davon, den Titel enger zu definieren als der biblische Sprachgebrauch erlaubt und dann die folgenden Sätze daran anzupassen. Liest man umgekehrt den Titel im Licht seiner ausdrücklichen Begründung, ergibt sich Christi Schöpferherrschaft. Seine Beziehung zur Schöpfung ist die ihres Ursprungs, Erhalters und Zieles.
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- Robert L. Reymond, A New Systematic Theology of the Christian FaithKolosser 1,15–20, S. 250–252: Erstgeborenentitel und universale Schöpfungsaussagen.