Der Einwand
In 1. Korinther 8,6 ist nur der Vater der „eine Gott“. Jesus ist dagegen der „eine Herr“. Unterscheidet Paulus damit nicht zwischen dem wahren Gott und einem ihm untergeordneten Herrn?
1. Die Titel bilden keine Rangliste
Paulus antwortet auf eine Welt angeblich vieler Götter und vieler Herren. Dagegen steht das christliche Bekenntnis zu einem Gott und einem Herrn. Wenn „ein Gott, der Vater“ bedeutete, dass der Sohn keine Gottheit besitzen könne, müsste „ein Herr, Jesus Christus“ nach demselben Verfahren bedeuten, dass der Vater kein Herr sei. Diese Folgerung ist offensichtlich falsch. Die Titel kennzeichnen hier Personen; sie schließen nicht die jeweils andere Person aus jeder Teilhabe an der bezeichneten göttlichen Wirklichkeit aus.[1]
Das bedeutet nicht, dass die Benennungen beliebig wären. Paulus unterscheidet den Vater vom Sohn. Die Frage ist, ob diese Unterscheidung innerhalb des göttlichen Wirkens liegt oder zwischen Gott und einem Geschöpf. Der nächste Satzteil entscheidet.
2. Der Sohn steht auf der Schöpferseite
Vom Vater sagt Paulus: aus ihm sind alle Dinge. Vom Sohn sagt er: durch ihn sind alle Dinge. Das „alle“ umfasst den Bereich der Schöpfung. Jesus wird nicht als ein Teil dieser Gesamtheit eingeführt, sondern als derjenige, durch den sie besteht. Derselbe Zusammenhang begegnet in Johannes 1,3 und Kolosser 1,16–17.
Die Präposition „durch“ macht ihn nicht zu einem nichtgöttlichen Werkzeug. Römer 11,36 sagt auch vom einen Gott, dass alle Dinge durch ihn sind. Eine bestimmte Präposition kann deshalb nicht für sich allein den ontologischen Rang bestimmen. In 1. Korinther 8,6 benennt sie den Sohn in seiner Beziehung zum Vater und in ihrem ungeteilten Schöpfungswerk.
3. Israels Bekenntnis wird christologisch entfaltet
Die griechische Fassung von 5. Mose 6,4 verbindet die Worte „Herr“, „Gott“ und „einer“ im Bekenntnis zu JHWH. Paulus verwendet dieselben Schlüsselbegriffe und stellt Jesus in das Bekenntnis zum einen Herrn hinein. Das ist mehr als die Ernennung eines weiteren religiösen Würdenträgers. Gerade im Gegensatz zu heidnischer Vielgötterei bekennt die Gemeinde den Vater und Jesus Christus.
Die Verbindung zum Schma ist eine begründete intertextuelle Deutung; das Argument hängt jedoch nicht allein an ihr. Selbst wenn man sie beiseiteließe, bliebe die ausdrückliche Zuordnung aller Schöpfung zum Sohn bestehen. Ein unitarisches Verständnis müsste diese universale Aussage erst um eine unausgesprochene Ausnahme ergänzen.
4. Schöpfung und Erlösung haben denselben Herrn
Paulus fügt zweimal „wir“ hinzu: Wir sind auf den Vater hin und durch Jesus Christus. Der Herr, durch den alles geschaffen ist, ist auch der Herr unseres erneuerten Lebens. Er gehört nicht zu den rivalisierenden Mächten, vor denen Christen Angst haben müssten. Darum trägt die Aussage die praktische Antwort auf Götzenopfer und Gewissensfragen.
Der Vers liefert somit keinen Gegensatz zwischen einem göttlichen Vater und einem nichtgöttlichen Jesus. Er verbindet personale Unterscheidung, Schöpfung und christliche Zugehörigkeit im Bekenntnis zum einen Gott. Wer aus der Verschiedenheit der Titel zwei verschiedene göttliche Rangstufen macht, liest gegen die Funktion des ganzen Absatzes.
5. Epheser und Thessalonicher setzen dieselbe Unterscheidung voraus
Epheser 4,4–6 nennt nacheinander den einen Geist, den einen Herrn und den einen Gott und Vater. Der Vater wird eindeutig als Gott bezeichnet. Der Absatz fügt aber nicht hinzu, der Sohn und der Geist seien deshalb nicht göttlich. Seine Absicht ist, die Einheit der Gemeinde durch ihre gemeinsame Zugehörigkeit zu Geist, Herrn und Vater zu begründen. Ein bestimmter personaler Gebrauch des Wortes „Gott“ ist keine ausschließende Definition aller, denen Gottheit zukommt.[3]
In 1. Thessalonicher 1,9–10 steht der lebendige wahre Gott den verlassenen Götzen gegenüber. Sein Sohn wird davon unterschieden, aber nicht den falschen Göttern zugeordnet: Die Glaubenden erwarten ihn vom Himmel als ihren Retter. Die Stelle entfaltet für sich keine vollständige Trinitätslehre; ebenso wenig enthält sie die zusätzliche Behauptung, nur die Person des Vaters könne göttlich sein. Personale Unterscheidung und Ausschluss der Gottheit sind zwei verschiedene Aussagen.[4]
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- John M. Frame, The Doctrine of GodKap. 28, Einwand zu 1. Korinther 8,6, S. 684; gemeinsames Schöpfungswirken.
- Norman L. Geisler, Baker Encyclopedia of Christian ApologeticsArtikel „Trinity“: biblischer Monotheismus, Gottheit Christi und Unterscheidung der Personen.
- Epheser 4,4–6 im ZusammenhangEin Geist, ein Herr, ein Gott und Vater als Grundlage der Einheit der Gemeinde.
- 1. Thessalonicher 1,9–10 im ZusammenhangAbkehr von Götzen, Dienst am wahren Gott und Erwartung seines rettenden Sohnes.