Der Einwand
Wenn Jesus Gott ist, betet Gott dann zu sich selbst? Ein betender Jesus scheint vielmehr ein Mensch zu sein, der einem anderen, dem wirklichen Gott, gegenübersteht.
1. Der Sohn betet zum Vater, nicht zum Sohn
Der Einwand setzt „Gott“ mit einer einzigen Person gleich und wirft diese Voraussetzung dann der Trinitätslehre vor. Diese lehrt jedoch gerade, dass der Sohn nicht der Vater ist. Wenn Jesus den Vater anredet, redet nicht dieselbe Person sich unter einem anderen Namen an. Johannes 17,24 führt diese persönliche Beziehung sogar auf die Zeit vor der Schöpfung zurück.
Damit ist die Frage nach dem Gegenüber beantwortet. Noch zu erklären ist, weshalb der göttliche Sohn überhaupt bittet. Hier ist die Menschwerdung entscheidend.
2. Menschwerdung umfasst ein wirklich menschliches Leben
Hebräer 2,17 sagt, dass der Sohn seinen Brüdern gleich werden musste, um als barmherziger und treuer Hohepriester zu handeln. Dazu gehören nicht nur ein Körper und sichtbare Bedürfnisse. Dazu gehören menschliches Erkennen, Wollen, Vertrauen und Gehorsam. Ein Jesus, dessen menschliches Leben nur die Fassade göttlicher Allmacht wäre, wäre nicht der Hohepriester dieses Textes.
Hebräer 5,7–9 verbindet seine Gebete unter Tränen mit seinem Gehorsam im Leiden. Das Beten ist kein Schauspiel, das lediglich zeigen soll, wie andere Menschen beten könnten. Der menschgewordene Sohn lebt vor dem Vater das menschliche Vertrauen, das wir ihm schulden.
3. Ein Handelnder – zwei Naturen
Es wäre ebenfalls falsch, in Jesus einen menschlichen Beter neben einen göttlichen Sohn zu stellen. Der Handelnde ist der eine Sohn. Er betet seiner menschlichen Natur gemäß. Dieselbe Person, die göttlich allmächtig ist, lebt zugleich ein wirklich menschliches Leben, dessen Kräfte geschaffen und begrenzt sind.
Thomas von Aquin erklärt das Gebet Christi deshalb aus der Unterscheidung von göttlichem und menschlichem Willen: Der göttliche Wille besitzt die Macht zur Verwirklichung seines Wollens; der menschliche Wille wendet sich bittend an Gott.[1] Das Gebet widerlegt Christi Gottheit so wenig, wie sein Hunger sie widerlegt. Beides bezeugt die Realität der angenommenen Menschheit.
4. Das Gebet gehört zu unserer Rettung
In Johannes 17 bittet Jesus nicht wie ein fremder Mittler, der einen widerwilligen Gott erst freundlich stimmen müsste. Der Vater hat ihn gesandt und liebt die Seinen; der Sohn erfüllt diesen gemeinsamen Heilswillen. In Hebräer 7,25 setzt sich sein priesterlicher Dienst in der Fürbitte für die Glaubenden fort.
Gerade deshalb ist der betende Jesus kein peinlicher Sonderfall für das christliche Gottesbild. Er zeigt, dass Gott uns nicht nur einen Auftrag von außen erteilt. Der ewige Sohn ist unser Bruder und Hohepriester geworden. Die Rückfrage lautet nicht: Warum betet ein Gott überhaupt? Sie lautet genauer: Wie sollte der Sohn unser wirkliches Menschsein annehmen, ohne auch dessen vertrauende Hinwendung zum Vater zu leben?
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- Thomas von Aquin, Summa theologiaeIII, q. 21, a. 1: das Gebet Christi aus seiner menschlichen Natur und seinem menschlichen Willen.
- Thomas von Aquin, Summa theologiaeIII, q. 18, a. 1: voller göttlicher und voller menschlicher Wille im einen Christus.