
„Die Schrift allein führt zu immer neuen Spaltungen. Ein verbindliches Lehramt schafft dagegen Einheit.“ Dieses Argument wirkt zunächst einleuchtend. Aber was wird dabei verglichen – und was würde die beobachtete Einheit tatsächlich beweisen?
Die entscheidende Frage
Einheit ist kostbar, aber Einheit allein beweist noch nicht Wahrheit. Wir müssen zwischen gemeinsamer Organisation, übereinstimmender Lehre und Gemeinschaft im Glauben unterscheiden. Erst dann lässt sich sinnvoll nach den Folgen einer Glaubensregel fragen.
1. Was „allein die Schrift“ behauptet
Sola Scriptura bedeutet in seinem sachlichen Kern, dass die Heilige Schrift die höchste, verbindliche Norm für christliche Lehre ist. Es bedeutet nicht, dass jeder Leser unfehlbar wäre, dass Auslegung keine Arbeit erfordere oder dass Lehrer, Bekenntnisse und Kirchengeschichte überflüssig seien.
Eine Gemeinde kann daher eine geordnete Lehre, verantwortliche Leitung und klare Bekenntnisse haben, ohne diese mit der Autorität der Schrift gleichzusetzen. Der Unterschied liegt in ihrer Korrigierbarkeit: Auch eine überlieferte Auslegung muss sich am biblischen Zeugnis prüfen lassen.
Die Forderung „Jeder darf glauben, was er will“ wäre tatsächlich ein schwaches Fundament für verbindliche Gemeinschaft. Sie ist aber nicht mit dem Anspruch identisch, gemeinsam unter Gottes Wort zu stehen.
2. Drei Bedeutungen von Einheit
Organisatorische Einheit: Menschen gehören derselben Institution an und erkennen gemeinsame Leitungsstrukturen an.
Lehrmäßige Einheit: Sie stimmen in bestimmten Aussagen über Gott, Christus und das Heil überein.
Geistliche Gemeinschaft: Sie begegnen einander als Menschen, die Christus gehören, und dienen gemeinsam aus diesem Glauben.
Diese Formen von Einheit hängen zusammen, fallen aber nicht einfach zusammen. Eine gemeinsame Organisation kann interne Lehrkonflikte enthalten. Umgekehrt können Christen verschiedener Gemeindeverbände in wesentlichen Glaubensfragen übereinstimmen und zusammenarbeiten.
Wer behauptet, eine bestimmte Glaubensregel bringe „mehr Einheit“, muss daher erklären, welche Einheit er meint und wie er sie feststellt. Die Anzahl von Organisationsnamen genügt dafür nicht.
3. Warum der Vergleich häufig schief angelegt ist
Es ist methodisch problematisch, eine einzelne Kirche mit allen protestantischen Organisationen weltweit zu vergleichen und aus ihrer unterschiedlichen Anzahl unmittelbar die Wahrheit einer Glaubensregel abzuleiten. Politische Geschichte, Sprache, geografische Trennung, Gemeindeverständnis und Lehrfragen können jeweils zur Bildung eigenständiger Verbände beitragen.
Ebenso wenig hilft eine willkürlich ausgewählte Gegenliste. Wer fünf besonders ähnliche evangelische Gemeinden mit fünf stark verschiedenen religiösen Gemeinschaften vergleicht, hat keine repräsentative Untersuchung durchgeführt. Das Ergebnis hängt dann bereits von der Auswahl ab.
Oft genannte große Denominationszahlen benötigen außerdem eine Definition: Werden rechtlich selbstständige Landesorganisationen mehrfach gezählt? Geht es um Kirchen, Gemeinden oder Lehrsysteme? Welche Gruppen werden dem Protestantismus zugerechnet? Ohne diese Angaben beeindruckt eine Zahl mehr, als sie erklärt.
Ein einfaches Beispiel
Zwei Gemeinden können organisatorisch getrennt und im Evangelium einig sein. Zwei Mitglieder derselben Organisation können in der Auferstehungsfrage völlig verschieden denken. Organisationsgrenzen sind deshalb kein zuverlässiges Maß für jede Form von Glaubenseinheit.
4. Schafft ein Lehramt keine wirkliche Einheit?
Doch, eine gemeinsame Lehrautorität kann institutionelle und lehrmäßige Einheit fördern. Das sollte eine evangelische Kritik anerkennen. Die katholische Position ist zudem nicht so zu beschreiben, als gelte jede Aussage jedes Amtsträgers als unfehlbar. Ihre tatsächlichen Ansprüche müssen anhand ihrer eigenen Lehrtexte geprüft werden.
Ein solcher Autoritätsanspruch beendet allerdings nicht jede Erkenntnisfrage. Es bleibt zu klären, weshalb gerade diese Autorität göttlich bevollmächtigt ist, was sie verbindlich gelehrt hat und wie ihre Aussagen auszulegen sind. Die Frage nach Auslegung verschwindet also nicht; sie betrifft zusätzlich die lehramtlichen Texte.
Auch daraus folgt nicht, ein Lehramt sei nutzlos. Es zeigt nur die Grenze des Arguments: Ein Verfahren, mit dem eine Gemeinschaft Streit entscheidet, ist nicht schon ein Beweis dafür, dass seine Entscheidungen unfehlbar wahr sind. Entscheidungsfähigkeit und Wahrheit sind verschiedene Eigenschaften.
5. Was wir über andere Christen korrekt sagen müssen
Die römisch-katholische Kirche erkennt Christen außerhalb ihrer vollen sichtbaren Gemeinschaft ausdrücklich als Brüder an, unter den in ihrer Lehre genannten Voraussetzungen. Unitatis redintegratio 3 spricht zugleich von fortbestehenden lehrmäßigen und kirchlichen Trennungen. Die pauschale Behauptung, Katholiken könnten andere Christen grundsätzlich nicht als Geschwister anerkennen, wäre daher falsch. Unitatis redintegratio 3.
Ebenso wenig sollten sehr unterschiedliche religiöse Gemeinschaften allein unter dem Etikett „Bibel plus unfehlbarer Ausleger“ zusammengeworfen werden. Ihre Vorstellungen von Offenbarung, Autorität und Auslegung unterscheiden sich. Wenn wir einen konkreten Anspruch kritisieren, müssen wir ihn konkret darstellen.
Diese Genauigkeit bedeutet nicht, dass die Unterschiede in der Heilslehre belanglos würden. Gerade weil das Evangelium wichtig ist, sollten wir die tatsächlichen Lehren vergleichen und keine vereinfachten Ersatzpositionen bekämpfen.
6. Die eigene Erfahrung – wertvoll, aber kein statistischer Beweis
Im ursprünglichen Beitrag habe ich auf meine Predigtdienste in unterschiedlichen evangelischen und freikirchlichen Gemeinden hingewiesen: unter anderem Brüdergemeinden, Baptisten, Pfingstgemeinden, Freie evangelische Gemeinden und Mennoniten. Solche Begegnungen machen erfahrbar, dass organisatorische Grenzen nicht jede Gemeinschaft in Christus verhindern.
Diese Erfahrung ist aber keine vollständige Untersuchung aller Gemeinden. Auch unter Evangelikalen gibt es schmerzhafte Spaltungen, Unversöhnlichkeit und leichtfertige Abgrenzungen. Das Schriftprinzip ist keine Entschuldigung dafür. Wer sich auf die Bibel beruft, muss sich auch ihren Ermahnungen zu Demut, Geduld und Liebe stellen (Eph 4,1–6).
7. Das stärkere Gespräch
Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Wer hat die wenigsten organisatorischen Abzweigungen? Sondern: Welche Autorität hat Christus seiner Gemeinde gegeben, wie erkennen wir ihre verbindliche Lehre und wie bleiben wir ihr gemeinsam treu?
Jesus verbindet in Johannes 17 die Einheit seiner Jünger mit der Wahrheit. Paulus ruft zur Einmütigkeit auf, ohne die Wahrheit des Evangeliums zur Verhandlungssache zu machen. Einheit soll deshalb weder durch beliebige Auslegung noch durch ungeprüfte Unterwerfung unter einen menschlichen Anspruch erkauft werden.
Die Schrift gemeinsam zu hören verlangt mehr als das Recht auf eine eigene Meinung: Es verlangt die Bereitschaft, sich von Gottes Wort korrigieren zu lassen.
Zum Nachlesen
Johannes 17,17–23; Epheser 4,1–16; Apostelgeschichte 17,11; 2. Timotheus 3,14–17. Zur katholischen Selbstdarstellung: Dei Verbum 9–10 und das oben verlinkte Ökumenismusdekret.