Der Einwand
Ob Römer 9,5 Christus „Gott über alles“ nennt, hängt davon ab, wo man den Satz beendet. Können Trinitarier ihre Lehre dann nicht einfach durch ein passend gesetztes Komma herstellen?
1. Die Wörter stehen fest; ihr Zusammenhang wird ausgelegt
Die Hauptfrage betrifft hier nicht einen später hinzugefügten Gottesnamen. Sie betrifft die Verbindung der vorhandenen Wörter: Wird die Aussage über den Christus fortgesetzt, oder beginnt ein selbständiger Lobpreis Gottes? Moderne Satzzeichen zeigen die Entscheidung des Übersetzers an.[2]
Aus dem Fehlen unserer heutigen Zeichensetzung folgt jedoch keine sprachliche Beliebigkeit. Auch ein Satz ohne gedrucktes Komma besitzt Wortstellung, grammatische Anschlüsse und einen Gedankengang.
2. Der unmittelbare Anschluss spricht für Christus
Paulus nennt den Christus als den, der seiner menschlichen Herkunft nach aus Israel stammt. Danach folgt eine Wendung, die sich natürlich als „der da ist“ an diesen zuletzt Genannten anschließt. So gelesen erhält die Aussage eine erkennbare Bewegung: seiner menschlichen Herkunft nach aus Israel, darüber hinaus Gott über allem.[1]
Die einschränkende Formulierung „dem Fleisch nach“ legt eine weitergehende Bestimmung nahe. Sie erzwingt diese nicht allein, passt aber gut zur Fortsetzung über Christi göttliche Hoheit.
3. Ein selbständiger Lobpreis muss den Übergang erklären
Paulus kann selbstverständlich mitten in einer Argumentation Gott loben. Der Einwand ist also nicht, dass ein Lobpreis prinzipiell unmöglich wäre. Hier müsste jedoch ein neuer Bezug ohne ausdrückliche Einführung angenommen werden. Auch die Stellung der Worte ist für einen selbständigen Segensspruch weniger naheliegend als für eine Fortsetzung über Christus.[1]
Der Zusammenhang ist zudem eine Klage über Israels Lage trotz seiner großen Vorrechte. Dass aus diesem Volk der Christus kommt, steigert das Gewicht dieser Vorrechte. Seine Bezeichnung als Gott verleiht der Klage zusätzliche Tiefe. Die Lesart erklärt damit sowohl Syntax als auch Argumentationsgang.
4. Das Ergebnis beruht nicht auf einem typografischen Trick
Die Wiedergabe, die Christus als Gott über allem bezeichnet, ist gut begründet. Andere Satzgliederungen sind diskutiert worden; ihre bloße Möglichkeit macht sie nicht gleich wahrscheinlich. Man sollte die Entscheidung begründen, statt sie durch die Behauptung zu ersetzen, das Komma sei vom Himmel gefallen.
Ebenso unzulässig wäre die Vorentscheidung, Paulus könne Jesus grundsätzlich nicht Gott nennen, weshalb hier zwingend ein neuer Satz beginnen müsse. Das wäre genau der dogmatische Eingriff, den der Einwand kritisiert. Der Wortlaut verlangt eine sprachlich begründete Entscheidung; die christologische Lesart besitzt dafür erhebliche Gründe.
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- Robert L. Reymond, A New Systematic Theology of the Christian FaithRömer 9,5, S. 246–248: Anschluss des Relativausdrucks, Kontext und Lobpreisform.
- NET Bible, Römer 9,5Übersetzungsanmerkung zu den möglichen Satzgliederungen.