Der Einwand
Einige besonders deutliche Gottesbezeichnungen Jesu hängen von umstrittenen Lesarten ab. Wenn man diese Stellen anders liest, bricht dann nicht die biblische Grundlage seiner Gottheit weg?
1. Drei Stellen – drei verschiedene Fragen
Textkritik fragt nach dem überlieferten Wortlaut; Übersetzung fragt nach seiner Bedeutung. Beides darf nicht vermischt werden. Ebenso wenig ist jede Variante eine bewusste theologische Fälschung. Abschreibgewohnheiten, ähnliche Buchstaben und erklärende Anpassungen können verschiedene Lesarten hervorbringen.
Unser Maßstab ist der bestbegründete Text. Wir wählen nicht für jeden Vers automatisch die Lesart, die sich am leichtesten in einer Debatte verwenden lässt.
2. 1. Timotheus 3,16 bleibt ein Christuszeugnis
Hier steht in einem Teil der Überlieferung „Gott wurde offenbart im Fleisch“, in anderen Zeugen ein Relativpronomen: „der/welcher offenbart wurde im Fleisch“. Die frühen Belege und die Erklärung der Entstehung der anderen Formen sprechen für das Pronomen; kritische Ausgaben folgen ihm.[1]
Damit entfällt an dieser Stelle gegebenenfalls die ausdrückliche Vokabel „Gott“, nicht aber die Aussage über Christi Offenbarung, Verkündigung und Erhöhung. Man sollte den Vers dann nicht als unbestrittene direkte Gottesanrede zitieren. Das Zeugnis seiner Menschwerdung bleibt im Zusammenhang des gesamten Neuen Testaments bestehen.
3. Apostelgeschichte 20,28 enthält zwei Ebenen
Neben den Lesarten „Gemeinde Gottes“ und „Gemeinde des Herrn“ steht die Frage, wie der Ausdruck vom eigenen Blut zu verstehen ist. Er kann als „sein eigenes Blut“ oder als „Blut seines Eigenen“, nämlich des Sohnes, aufgefasst werden.[2]
Die erste Deutung lässt sich christologisch sinnvoll erklären: Die göttliche Person des Sohnes besitzt durch die Menschwerdung wirklich menschliches Blut. Das macht die göttliche Natur nicht körperlich. Die zweite Deutung bezeichnet Gottes Erwerb der Gemeinde durch seinen Sohn. Die Stelle darf daher nicht ohne Erläuterung als eindeutig in nur einem Sinn ausgegeben werden.
4. Judas 5 widerspricht dem Verdacht einer einseitigen Abschwächung
Die Lesart „Jesus“ als Retter Israels aus Ägypten besitzt gewichtige frühe Belege und steht im Text der NA28. Eine textkritische Entscheidung kann also gerade zu einer besonders hohen Aussage über Christus führen.[3]
Der Befund passt nicht zu der pauschalen Erzählung, moderne Textkritik entferne grundsätzlich Jesu Gottheit. Vor allem hängen Johannes 20,28, die Schöpfungsaussagen und Kolosser 2,9 nicht an diesen drei Entscheidungen. Die Lehre steht auf einem zusammenhängenden Zeugnis. Sorgfalt bei umstrittenen Stellen macht dieses Zeugnis klarer, nicht schwächer.
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- NET Bible, 1. Timotheus 3,16Textkritische Anmerkung zu „Gott“ und „der/welcher“.
- NET Bible, Apostelgeschichte 20,28Lesarten „Gottes/Herrn“ und Übersetzungsfrage „sein eigenes Blut/Blut seines Eigenen“.
- NET Bible, Judas 5Textkritische Anmerkung zur in NA28 aufgenommenen Lesart „Jesus“.