Der Einwand
Gottes Fülle kann auch in Gläubigen wohnen. Kolosser 2,9 könnte deshalb nur besondere Gottesnähe Jesu meinen. Und in 1. Johannes 5,20 könnte „der wahre Gott“ den Vater statt Jesus bezeichnen.
1. Die Begründung in Kolosser 2 ist entscheidend
Paulus warnt vor einer Lehre, die nicht an Christus festhält. Er begründet seine Warnung damit, dass in Christus die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt. Danach sagt er, die Gläubigen seien in ihm zur Fülle gebracht. Die beiden Aussagen stehen nicht nebeneinander wie zwei gleichartige Beispiele. Die Fülle Christi begründet die Versorgung seiner Gemeinde.[1]
Christus ist damit nicht ein weiterer Empfänger unter anderen. Er ist derjenige, in dem die Gemeinde das besitzt, was ihr keine konkurrierende Macht geben kann.
2. Teilhabe ist nicht dieselbe Aussage wie volle Gottheit
Epheser 3,19 bittet um die Erfüllung der Gläubigen zur ganzen Fülle Gottes. Das beschreibt ihre von Gott geschenkte Teilhabe. Kolosser 2,9 bestimmt dagegen ausdrücklich, was in Christus wohnt: die gesamte Fülle der Gottheit, und zwar leibhaftig. Der Ausdruck gehört zum Zeugnis der Menschwerdung und wird durch die vorausgehenden Schöpfungsaussagen in Kolosser 1 erläutert.
Die ähnliche Vokabel „Fülle“ macht die Aussagen nicht identisch. Quelle und Empfang, Christus und seine Glieder, dürfen nicht vertauscht werden. Der Schluss, alle Christen seien deshalb ebenso Gott, entsteht erst durch das Einebnen dieser Unterschiede.
3. Der Bezug von „dieser“ muss gesondert geprüft werden
In 1. Johannes 5,20 steht unmittelbar vor „Dieser ist der wahre Gott und das ewige Leben“ der Name Jesus Christus. Das spricht für einen Bezug auf den Sohn. Hinzu kommt, dass bereits 1,2 das beim Vater gewesene und offenbar gewordene Leben mit Christus verbindet.
Andererseits wurde der Vater unmittelbar zuvor als der Wahrhaftige bezeichnet. Daher vertreten auch trinitarische Ausleger einen Rückbezug auf ihn. Die Regel „ein Pronomen meint immer das nächststehende Substantiv“ wäre zu grob. Reymond bespricht beide Lesarten und begründet seine Bevorzugung des Sohnes.[1]
4. Unterschiedliche Belegstärke ist kein Widerspruch
Kolosser 2,9 sagt die volle Gottheit Christi ausdrücklich aus. In 1. Johannes 5,20 ist die Bezugnahme stärker umstritten; der Bezug auf Jesus ist gut begründbar, aber nicht durch bloße Wortnähe entschieden. Auch ein Bezug auf den Vater würde die Gottheit des Sohnes nicht verneinen.
Eine saubere Verteidigung verlangt daher keine künstlich gleiche Eindeutigkeit aller Verse. Sie zeigt, was jeder Text tatsächlich trägt, und gewinnt gerade dadurch argumentative Schärfe.
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- Robert L. Reymond, A New Systematic Theology of the Christian FaithKolosser 2,9, S. 252–253; 1. Johannes 5,20, S. 306–308.