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CHRISTOlogisch · Trinität · C05

„Mein Herr und mein Gott“ – an wen spricht Thomas?

2 Minuten Lesezeit · Mit Bibeltexten und Quellen

Der Einwand

Thomas könnte angesichts des auferstandenen Jesus nur einen überraschten Ausruf an Gott richten. Oder er nennt Jesus „Gott“, weil Gottes Bevollmächtigter vor ihm steht.

1. Der Erzähler benennt den Adressaten

Johannes schreibt, Thomas habe Jesus geantwortet und zu ihm gesprochen. Darauf folgen beide Anreden: sein Herr und sein Gott. Die Erklärung, Thomas rede zunächst Jesus und dann plötzlich einen unsichtbaren anderen Adressaten an, muss einen Sprecherwechsel einfügen, den der Text nicht signalisiert. Sie entsteht nicht aus der Erzählführung, sondern gegen sie.

Auch die griechische Form mit Artikel verhindert keine Anrede. Ein Nominativ kann diese Funktion übernehmen; aus der Kasusform lässt sich hier kein Ausweg konstruieren.[1]

2. Jesus bestätigt den Glauben, nicht einen unbedachten Ausruf

Jesus antwortet mit der Feststellung, Thomas habe geglaubt, weil er gesehen habe, und spricht anschließend von denen, die ohne dieses Sehen glauben. Die Szene behandelt also die Erkenntnis Jesu und den Glauben an ihn. Sie ist keine Episode über einen sprachlichen Ausrutscher, den Jesus stillschweigend übersieht.

Unmittelbar danach erklärt Johannes das Ziel seines Evangeliums: Seine Leser sollen glauben, dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes ist. Thomas’ Bekenntnis gehört zu diesem Ziel. Der Sohn-Gottes-Titel wird deshalb nicht sinnvoll gegen die vorausgehende Gottesanrede ausgespielt.

3. Ein Stellvertreter erklärt noch nicht diese Anrede

Ein Gesandter kann mit der Vollmacht seines Auftraggebers handeln. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass ein jüdischer Jünger ihn als seinen Gott bekennt und diese Aussage zum vorbildlichen Glauben des Evangeliums gehört. Die repräsentative Deutung braucht hier zusätzliche Begründung.

Johannes hat den Logos bereits im Prolog als Gott bezeichnet und alles Gewordene durch ihn entstehen lassen. Thomas’ Worte bringen die persönliche Anerkennung dessen zum Ausdruck, was der Leser seit dem Anfang weiß. Die Schlussbewegung des Evangeliums trägt damit mehr als eine allgemeine Gesandtenmetaphorik.

4. Der auferstandene Sohn bleibt vom Vater unterschieden

Nur wenige Verse zuvor nennt Jesus den Vater seinen Gott. Johannes legt beides in dasselbe Kapitel. Er scheint darin nicht den Widerspruch zu sehen, den eine ausschließlich menschliche Deutung voraussetzt. Der menschgewordene Sohn steht als Mensch vor dem Vater und wird zugleich selbst als Gott erkannt.

Die Erklärung muss daher beide Aussagen tragen: Jesu Gottheit und seine reale Beziehung zum Vater. Thomas identifiziert Jesus nicht als den Vater. Er bekennt den Sohn als seinen Herrn und Gott.

Bibeltexte im Zusammenhang

Quellen und Vertiefung

  1. Robert L. Reymond, A New Systematic Theology of the Christian FaithJohannes 20,28, S. 297–298: Adressat, Anrede und Verbindung zum Zweck des Evangeliums.
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