CHRISTOlogisch.GLAUBEN VERSTEHEN & BEGRÜNDEN

CHRISTOlogisch · Trinität · G03

Johannes 1,18: „Gott“ oder „Sohn“?

3 Minuten Lesezeit · Mit Bibeltexten und Quellen

Der Einwand

Manche Bibeln lesen in Johannes 1,18 „einziggeborener Sohn“, andere „einziggeborener Gott“. Wenn die Gottheit Jesu von einer unsicheren Lesart abhängt, ist ihre biblische Grundlage schwach.

1. Die Variante ist wirklich vorhanden

Die griechische Überlieferung bietet hier vor allem zwei Wortlautgruppen: monogenēs theos und ho monogenēs huios. Frühe gewichtige Zeugen unterstützen „Gott“, während „Sohn“ besonders in der späteren Überlieferung verbreitet ist. Kritische Ausgaben bevorzugen gewöhnlich die Gottes-Lesart; die genaue Formulierung und ihre Übersetzung verlangen dennoch Sorgfalt.[1]

Ein textkritisches Urteil beruht nicht nur auf dem Zählen von Handschriften. Alter, Verwandtschaft, Verbreitung und die Erklärung dafür, wie eine Lesart aus der anderen entstehen konnte, gehören zusammen. Dass „Sohn“ im Johannesevangelium vertrauter klingt, ist dabei relevant; es ist für sich allein noch kein Beweis.

2. „Einziggeboren“ darf keinen geschaffenen Anfang einschmuggeln

Das Wort monogenēs bezeichnet den einzigen beziehungsweise einzigartigen Sohn. Schon seine Verwendung für Isaak in Hebräer 11,17 zeigt, dass nicht einfach ein biologischer Vorgang beschrieben wird: Abraham hatte weitere Nachkommen, aber Isaak war der einzigartige Sohn der Verheißung.

Die traditionelle Übersetzung „eingeboren“ kann innerhalb einer theologischen Erklärung sinnvoll verwendet werden. Aus dem Wort allein folgt jedoch weder ein Zeitpunkt der Entstehung noch bereits die vollständige Lehre ewiger Zeugung. Gerade diese Unterscheidung verhindert, dass eine Übersetzung die Exegese vorwegentscheidet.

3. Beide Lesarten stehen unter derselben Aussage des Prologs

Johannes 1,18 schließt den Prolog, dessen Anfang das Wort Gott nennt und von Gott unterscheidet. Vers 3 stellt das Wort allem Gewordenen gegenüber. Vers 14 identifiziert dieses Wort als den Menschgewordenen, dessen Herrlichkeit die Jünger gesehen haben. Diese Aussagen hängen nicht an der Variante in Vers 18.[2]

Liest man „Gott“, wird die Gottheit des Offenbarers ausdrücklich erneut genannt. Liest man „Sohn“, wird seine einzigartige Beziehung zum Vater hervorgehoben. Keine der beiden Lesarten sagt: Dieser Sohn gehört zu den Geschöpfen. Das müsste gegen den vorausgehenden Text erst zusätzlich behauptet werden.

4. Der unsichtbare Gott wird durch den Sohn erkannt

Der bleibende Kern beider Lesarten ist die einzigartige Gemeinschaft des Sohnes mit dem Vater. Er macht den unsichtbaren Gott bekannt. Es geht nicht um einen Religionslehrer, der aus sicherer Entfernung Vermutungen über Gott anstellt, sondern um den Offenbarer aus unmittelbarer Gemeinschaft mit ihm.

Die Trinitätslehre fordert deshalb keine Entscheidung nach dogmatischem Wunsch. Wir können die Überlieferung offen prüfen und zugleich festhalten: Der Prolog trägt seine Christologie als zusammenhängendes Zeugnis. Ein einzelner Variantenbefund hebt dieses Zeugnis nicht auf.

Bibeltexte im Zusammenhang

Quellen und Vertiefung

  1. NET Bible: Johannes 1,18Textkritische Anmerkung zu theos/huios; Übersetzungsnotizen zu monogenēs.
  2. Robert L. Reymond, A New Systematic Theology of the Christian FaithS. 299–305: Johannes 1,1–18 und die Gottheit des Sohnes.
CHRISTOlogisch unterstützen

Gute Antworten. Frei zugänglich.

Diese Antworten stehen dir kostenlos zur Verfügung. Quellenarbeit, sorgfältige Ausarbeitung und verständliche Gestaltung kosten Zeit und Geld. Wenn dir unsere Arbeit hilft, erwäge bitte im Gebet, ob du CHRISTOlogisch mit einem Betrag deiner Wahl unterstützen möchtest.