Der Einwand
Wer gezeugt wird, empfängt sein Sein von einem anderen. Gott muss aber aus sich selbst sein. Wenn der Sohn vom Vater gezeugt wird, scheint er abhängig und damit nicht im vollen Sinn Gott zu sein.
1. Die christliche Lehre behauptet keine Entstehung
„Ewige Zeugung“ bezeichnet in der klassischen Lehre keine Handlung, durch die ein zunächst nicht vorhandener Sohn entsteht. Es gibt keinen Zustand Gottes vor dem Sohn. Johannes 1,1 setzt das Wort bereits am Anfang voraus; Johannes 17,5 und 17,24 bezeugen seine vorweltliche Herrlichkeit und die Liebe des Vaters zu ihm.
Das Wort „ewig“ ist deshalb keine bloße Verlängerung eines geschöpflichen Geburtsvorgangs in unendliche Vergangenheit. Es schließt gerade den Übergang vom Nichtsein zum Sein aus. Thomas unterscheidet ausdrücklich zwischen einer personalen Herkunftsbeziehung und einem zeitlichen Anfang.[1]
2. Das göttliche Wesen wird nicht hergestellt oder geteilt
Der Sohn ist nach nicänischem Bekenntnis gezeugt, nicht geschaffen. Der Vater produziert keine zweite Gottheit, gibt kein Stück seines Wesens ab und verleiht keinem fremden Empfänger eine höhere Natur. Vater und Sohn besitzen nicht zwei voneinander abhängige göttliche Existenzen.
Die reformierte Rede von der Selbstexistenz des Sohnes schärft hier eine wichtige Unterscheidung: Hinsichtlich seines göttlichen Wesens ist der Sohn wahrhaft Gott aus sich selbst; hinsichtlich seiner Person ist er ewig der Sohn des Vaters. Reymond erläutert diese Unterscheidung anhand Calvins und warnt vor Formulierungen, die den Sohn zu einem verursachten Gott machen.[2]
3. Einzelne Bibelwörter dürfen nicht die ganze Erklärung tragen
Monogenēs bezeichnet den einzigartigen Sohn und beweist für sich allein noch keine vollständig ausgearbeitete Theorie ewiger Zeugung. Ebenso ist Psalm 2,7 im Zusammenhang der königlichen Einsetzung und seiner neutestamentlichen Anwendung zu lesen; der Vers datiert nicht die Entstehung der göttlichen Person.
Johannes 5,26 ist gewichtiger: Wie der Vater Leben in sich selbst hat, hat er dem Sohn gegeben, Leben in sich selbst zu haben. Die klassische Auslegung sieht darin die ewige Mitteilung des einen göttlichen Lebens. Andere trinitarische Ausleger, darunter Reymond, beziehen das Geben stärker auf die messianische Vollmacht des menschgewordenen Sohnes im Kontext von Gericht und Auferweckung. Diese Auslegungsfrage darf nicht als bereits durch ein einzelnes Wort entschieden dargestellt werden.[2]
4. Die entscheidende Grenze ist klar
Eine Erklärung, nach der der Sohn seine Gottheit erst erhält, weniger notwendig existiert oder eine geringere Natur besitzt, ist mit seinem vollen Gottsein unvereinbar. Genau diese Vorstellung wird von der klassischen Lehre ewiger Zeugung ausgeschlossen, nicht gelehrt.
Die Bezeichnung hält fest: Der Sohn ist ewig vom Vater unterschieden und ewig dessen Sohn; er ist kein nachträgliches Werk des Vaters. Die personale Beziehung bedeutet nicht dieselbe Abhängigkeit wie die eines Geschöpfes von seinem Schöpfer. Wer beides gleichsetzt, hat das geschöpfliche Entstehungsmodell schon in den Begriff hineingelegt, den er widerlegen möchte.
5. Ursprung ohne Ablauf und Notwendigkeit ohne Zwang
„Zeugung“ meint hier weder einen zeitlichen Produktionsvorgang noch eine Übertragung von Gottes Wesen zwischen zwei Behältern. Gemeint ist eine ewige Ursprungsbeziehung: Der Sohn ist vom Vater, ohne je nicht gewesen zu sein. Thomas unterscheidet deshalb den Ursprung von der Bewegung, durch die wir geschöpfliche Entstehung gewöhnlich kennenlernen. Die Beziehung bleibt ausgesagt, während Veränderung und Zeitfolge ausgeschlossen werden.[3]
Auch wird der Sohn nicht durch eine freie Auswahl aus möglichen Geschöpfen hervorgebracht. Thomas unterscheidet Gottes freie Schöpfung von der Zeugung, die seiner Natur entspricht. Dabei heißt „nicht durch Wahl hervorgebracht“ nicht „gegen den Willen des Vaters“.[3] Gottes Freiheit erfordert nicht die Möglichkeit, anders als Gott zu sein. Ebenso wenig erfordert seine ewige Liebe eine vorausgehende liebeslose Lage, aus der er sich erst befreit. Das erklärt, warum notwendige Sohnschaft keine unfreiwillige Herstellung ist; es liefert keinen zeitlichen Mechanismus hinter Gottes ewigem Leben.
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- Thomas von Aquin, Summa theologiaeI, q. 42, a. 2: gleiche Ewigkeit und der Unterschied zwischen Ursprung und zeitlichem Anfang.
- Robert L. Reymond, A New Systematic Theology of the Christian FaithAbschnitt „The Father’s Eternal Generation of the Son“, S. 324–330, besonders die Darstellung Calvins. Reymonds Kritik an traditionellen Erklärungen wird als innertrinitarische Debatte kenntlich gemacht.
- Thomas von Aquin, Summa theologiaeI, q. 41, a. 1, Antwort 2, und a. 2: Ursprungsordnung ohne Bewegung; Natur, Wille und ewige Zeugung.