Der Einwand
Wenn ein Modell von dem einen Gott ausgeht und seine drei Personen als Lebensweisen beschreibt, bleiben dann wirklich Vater, Sohn und Geist – oder nur drei Auftritte desselben Ichs?
1. Der entscheidende Unterschied betrifft die Wirklichkeit der Beziehung
Modalismus entsteht nicht schon dadurch, dass man Gottes Einheit betont. Er entsteht, wenn Vater, Sohn und Geist letztlich nur Erscheinungen einer einzigen Person sind. Dann würde der Sohn im Gebet zum Vater keine wirklich andere göttliche Person ansprechen.
Die bloße Gleichzeitigkeit verschiedener Erscheinungen reicht deshalb auch nicht als Gegenargument. Ein Schauspieler könnte theoretisch mehrere Rollen zugleich darstellen. Entscheidend ist, ob die persönliche Beziehung selbst wirklich und ewig ist.
2. Leftows Modell will mehr als wechselnde Masken
Leftow verwendet eine Zeitreiseanalogie: Verschiedene Abschnitte eines Lebens könnten gleichzeitig auftreten. Auf Gott übertragen sollen unterschiedliche Lebensverläufe ohne zeitliche Abfolge bestehen.[1] Der Vorschlag darf daher nicht als bloßer Wechsel zwischen Vaterrolle und Sohnrolle beschrieben werden.
Die offene Rückfrage bleibt jedoch, ob solche Lebensverläufe echte Personen oder nur unterschiedliche Zustände eines einzigen personalen Trägers erklären. Das ist eine Prüfung des konkreten Modells. Wie Williams hervorhebt, ist „lateinisch“ kein hinreichend genauer Name für sämtliche westlichen Erklärungsansätze.[2]
3. Die klassische Beziehungslehre setzt anders an
Thomas nennt die Personen wirklich bestehende Beziehungen.[3] Vatersein und Sohnsein sind dabei keine späteren Tätigkeiten Gottes gegenüber der Welt. Sie bezeichnen die ewige personale Unterscheidung innerhalb der ungeteilten göttlichen Wirklichkeit.
Man darf deshalb „eine Natur“ nicht durch „eine Person mit drei Rollen“ ersetzen. Ebenso wenig darf man die Beziehungen zu Eigenschaften machen, die einer vierten Person namens Gott zusätzlich anhaften. In beiden Fällen würde das Modell die Dreizahl und die Art der Personen verändern, die es erklären soll.
4. Johannes 17 gibt einen schärferen Maßstab als die Analogie
Jesus spricht von Herrlichkeit beim Vater vor dem Dasein der Welt und von der Liebe des Vaters zu ihm vor Grundlegung der Welt. Diese Aussagen handeln nicht nur von Gottes Wirkung auf spätere Beobachter. Sie beanspruchen Wahrheit über Gottes eigenes Leben.
Ein Modell muss diese persönliche Gemeinschaft bewahren. Gelingt ihm das nicht, ist das Modell zu verbessern oder aufzugeben. Die Schrift verpflichtet uns weder auf eine Zeitreiseanalogie noch auf deren Kritiker, sondern auf den ewigen Sohn, der beim Vater ist und ihn offenbart. Genau deshalb lässt sich Modalismus zurückweisen, ohne Gottes Einheit abzuschwächen.
5. Sind Barth und Rahner deshalb Modalisten?
Weder Barths „Seinsweisen“ noch Rahners „distinkte Subsistenzweisen“ dürfen einfach mit wechselnden Masken gleichgesetzt werden. Barth bestimmt sie durch gegenseitige Beziehungen und wendet sich ausdrücklich gegen den Modalismus.[4] Rahner bestreitet, dass zunächst ein fertiger Gott bestehe, der diese Weisen nachträglich annehme; sie gehören notwendig zu Gottes eigenem Sein.[5]
Das bewahrt ihre Vorschläge vor einer vorschnellen Karikatur, ersetzt aber keine inhaltliche Prüfung. Die entscheidende Frage bleibt, ob Vater und Sohn wirklich ewig aufeinander bezogen sind oder ihre Unterscheidung am Ende in einem einzigen personalen Ich aufgeht. Ein anderer Ausdruck für „Person“ löst diese Frage nicht von selbst. Wo er das wirkliche Gegenüber von Johannes 17 verdunkelt, muss er präzisiert werden. Wo er dieses Gegenüber bei ungeteilter Gottheit bewahrt, ist der bloße Ausdruck „Seinsweise“ noch kein Beweis für Modalismus.
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- Brian Leftow, A Latin TrinityFaith and Philosophy 21/3 (2004), S. 304–333; eigener Abstract zur Analogie gleichzeitiger Lebensverläufe.
- Scott M. Williams, Indexicals and the Trinity: Two Non-Social ModelsJournal of Analytic Theology 1 (2013), S. 74–94; der Name „lateinisch“ bezeichnet keine einzige einheitliche Theorie.
- Thomas von Aquin, Summa theologiaeI, q. 29, a. 4: Reale subsistierende Beziehungen als personale Unterscheidung.
- Karl Barth, Kirchliche Dogmatik I/1§ 9, besonders Leitsatz und Abschnitte 2–4; englisch Church Dogmatics I/1, S. 348, 353–383: Seinsweisen in realen gegenseitigen Beziehungen, Abweisung des Modalismus.
- Karl Rahner, The TrinityKapitel III, Abschnitt E.3: „Distinct Manner of Subsisting“; die Seinsweisen sind keine nachträglichen oder frei wechselnden Modalitäten eines vorgängigen Gottes.