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CHRISTOlogisch · Trinität · J01

Wie passen göttliche Einfachheit und reale Beziehungen zusammen?

5 Minuten Lesezeit · Mit Bibeltexten und Quellen

Der Einwand

Wenn Gottes Einfachheit bedeutet, dass jede göttliche Person mit dem göttlichen Wesen identisch ist, müssten auch die Personen miteinander identisch sein. Reale Beziehungen scheinen entweder zusätzliche Bestandteile einzuführen oder den Unterschied zwischen Vater und Sohn aufzulösen.

1. Einfachheit bedeutet nicht Beziehungslosigkeit

Mit Einfachheit meint die klassische Theologie, dass Gott nicht aus Bestandteilen besteht und keine hinzukommenden Eigenschaften benötigt, um vollkommen zu sein. Sie meint nicht, Gott sei inhaltsleer oder könne keine wirklichen personalen Beziehungen besitzen. Das erste ist eine Aussage gegen Abhängigkeit; das zweite wäre bereits eine unitarische Festlegung.[1]

Die Frage ist also präziser: Können Vatersein und Sohnsein wirklich verschieden sein, ohne zwei göttliche Wesen oder zwei ergänzende Eigenschaften zu bilden? Thomas beantwortet sie mit dem besonderen Charakter von Beziehungen.

2. Eine Beziehung unterscheidet anders als eine Vollkommenheit

Weisheit und Macht bezeichnen göttliche Vollkommenheiten. Vatersein bezeichnet dagegen eine Beziehung zum Sohn. Der Vater ist nicht deshalb vom Sohn unterschieden, weil ihm mehr Weisheit zukäme, sondern weil er dessen Vater ist. Der Sohn ist nicht sein eigener Vater.

Thomas spricht hier von „relativer Entgegensetzung“: Vatersein und Sohnsein gehören untrennbar zusammen und sind dennoch nicht austauschbar. Der Gegensatz ist kein Gegensatz zwischen mehr und weniger Gottheit. Er liegt darin, wie die Personen zueinander stehen.[2]

3. „Subsistierend“ schließt ein zusätzliches Trägerding aus

Bei Menschen kommt Vatersein zu einer bereits bestehenden Person hinzu. Ein Mann kann Vater werden; sein Menschsein ist nicht seine Vaterschaft. Gott wird dagegen nicht nachträglich Vater. Der Vater ist ewig Vater des ewigen Sohnes. Seine personale Beziehung ist kein erworbener Zustand.

Mit „subsistierender Relation“ meint Thomas deshalb eine Beziehung, die nicht wie eine zusätzliche Eigenschaft an einem unabhängig davon bestehenden göttlichen Individuum haftet. Sie ist die Weise, in der die Person im einen göttlichen Sein besteht. Es gibt nicht erst drei göttliche Einzelwesen, die anschließend Beziehungen aufnehmen. Die Beziehungen unterscheiden die Personen ohne Teilung des Wesens.[3]

Der Satz „Jede Beziehung setzt ihre Bezogenen voraus“ darf dabei nicht unbemerkt zeitlich oder wie ein Bauplan verstanden werden. Thomas behauptet nicht, eine abstrakte Linie bringe zwei zuvor fehlende Wesen hervor. In seinem Modell bestehen Vater und Sohn ewig aufeinander bezogen; ihre Beziehungen sind keine nachträglich befestigten Verbindungen zwischen vorher selbständigen Göttern.[4] Erkennen und Lieben kommen ihnen kraft der göttlichen Natur zu. „Beziehung“ beschreibt, wodurch sie persönlich unterschieden sind, nicht einen Ersatz für ihr geistiges Leben. Das ist eine ontologische Erklärung, keine Ableitung dreier Personen aus einer zunächst personenlosen Substanz.

4. Die Identitätsfrage verlangt präzise Begriffe

Thomas behandelt den Einwand, mit demselben Identisches müsse untereinander identisch sein, ausdrücklich in I, q. 28, a. 3. Er unterscheidet die Einheit des wirklichen Seins von dem unterschiedlichen relationalen Sinn, in dem Vatersein und Sohnsein ausgesagt werden. Seine Antwort arbeitet also mit einer ausgearbeiteten Metaphysik der Beziehung, nicht mit einer erlaubten Ausnahme vom Widerspruchssatz.[2]

Diese Erklärung darf nicht verkürzt werden zu: F = G, S = G, aber F ≠ S, wobei jedes Zeichen strikte numerische Identität im selben Sinn bedeutet. So wäre der Widerspruch tatsächlich vorhanden. Die thomanische Lösung muss zeigen, weshalb diese Formalisierung die Unterscheidung zwischen Wesensaussage und personaler Beziehung verfehlt. Ob jede philosophische Einzelheit dieses Modells überzeugt, ist eine weitere Debatte; das biblische Bekenntnis hängt nicht an der Behauptung, die Debatte sei mit einem Wort beendet.

5. Die Offenbarung bestimmt, was das Modell bewahren muss

Johannes 17,24 bezeugt die Liebe des Vaters zum Sohn vor Grundlegung der Welt; Johannes 1,1 bezeugt Unterscheidung und Gottheit des Wortes; die Schrift bekennt zugleich den einen Gott. Ein theologisches Modell muss alle drei Aussagen bewahren. Weder darf es die Beziehungen zu bloßen Denkweisen machen noch das eine Wesen zu einer Gemeinschaft getrennter Götter. Die klassische Relationslehre ist ein durchdachter Versuch, genau diese Grenzen sprachlich einzuhalten.

6. Führt Scotus zusätzliche Bestandteile ein?

Scotus unterscheidet ausdrücklich zwischen formaler Nichtidentität und einer Verschiedenheit selbständiger Dinge. Vatersein besagt nicht schon dasselbe wie Gottsein; diese Unterscheidung soll mehr sein als eine bloße Erfindung unseres Denkens. Zugleich besteht Scotus auf Gottes vollkommener Einfachheit. Seine formale Unterscheidung ist deshalb nicht als Zusammensetzung aus einer Portion Gottheit und einem hinzukommenden Stück Vaterschaft gemeint.[5]

Damit ist die Rückfrage nicht erledigt: Wie kann eine im Gegenstand begründete Unterscheidung ohne Zusammensetzung bestehen? Aber „verschiedener formaler Gehalt“ und „mehrere zusammengefügte Bestandteile“ sind keine synonymen Ausdrücke. Wer Scotus widerlegen will, muss den Übergang zwischen ihnen begründen. Und wer sich auf Scotus beruft, muss seine Unterscheidung erklären; ein neuer Fachausdruck allein löst die Identitätsfrage nicht.

Bibeltexte im Zusammenhang

Quellen und Vertiefung

  1. James E. Dolezal, God without PartsKap. 2: Einfachheit als Ausschluss von Zusammensetzung und Abhängigkeit.
  2. Thomas von Aquin, Summa theologiaeI, q. 28, a. 2–3; besonders a. 3, Einwand 1 und Antwort 1 zur Identitätsfrage.
  3. Thomas von Aquin, Summa theologiaeI, q. 29, a. 4 und q. 39, a. 1: Person als subsistierende Beziehung.
  4. Thomas von Aquin, Summa theologiaeI, q. 40, a. 2, besonders Antwort 4: Subsistierende Beziehungen und das gleichzeitige Bestehen der aufeinander Bezogenen.
  5. Johannes Duns Scotus, Ordinatio IDistinctio 33, Nr. 2–3: Formale Nichtidentität von Wesen und personaler Eigenschaft bei ausdrücklich festgehaltener göttlicher Einfachheit.
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