Der Einwand
Wenn der Vater Gott ist und der Sohn Gott ist, müsste der Vater mit dem Sohn identisch sein. Sind beide mit demselben Gott identisch, können sie nicht zwei verschiedene Personen sein. Das scheint aus der Transitivität der Identität zwingend zu folgen.
1. Die logische Regel ist richtig
Wenn A mit B in jeder Hinsicht numerisch identisch ist und C ebenfalls mit B, dann sind A und C identisch. Die Trinitätslehre braucht keine Ausnahme von dieser Regel. Eine Antwort, die einfach behauptet, bei Gott gelte Logik nicht, würde jede bestimmte Aussage über Gott zerstören: Auch „Gott ist treu“ könnte dann mit „Gott ist nicht treu“ vereinbar sein.
Der zu prüfende Punkt ist die Übersetzung der theologischen Sätze in Gleichheitszeichen. Nicht jedes deutsche „ist“ bezeichnet numerische Identität. „Paulus ist ein Mensch“ sagt etwas über seine Natur; „Paulus ist der Verfasser dieses Briefes“ identifiziert ihn dagegen unter einer bestimmten Beschreibung.[1]
2. Johannes 1,1 zwingt zur Bedeutungsunterscheidung
Das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Der erste Satzteil unterscheidet das Wort von dem, bei dem es ist. Der zweite nimmt diese Unterscheidung nicht zurück, sondern sagt, was das Wort seinem Wesen nach ist. Übersetzte man beide Vorkommen automatisch als denselben Personennamen, würde man den Zusammenhang des Satzes zerreißen.
„Der Sohn ist Gott“ bedeutet daher nicht: Der Sohn ist dieselbe Person wie der Vater. Ebenso wenig bedeutet es lediglich: Er ist irgendwie gottähnlich. Es bezeichnet seine volle Gottheit bei wirklicher personaler Unterscheidung.
3. Prädikation erklärt noch nicht alles
Der Satz „Vater und Sohn besitzen göttliche Natur“ wäre allein auch mit zwei Göttern vereinbar, wenn diese Natur wie Menschsein in mehreren getrennten Exemplaren vorkäme. Deshalb gehört zur Trinitätslehre eine weitere Aussage: Das göttliche Wesen ist zahlenmäßig eines und ungeteilt. Vater und Sohn sind keine zwei Instanzen der Art „Gott“.[2]
Damit werden zwei verschiedene Fragen beantwortet: Wer ist vom anderen unterschieden? Vater, Sohn und Geist. Was ist ihr göttliches Sein? Nicht dreimal Göttlichkeit, sondern das eine ungeschaffene Wesen. Diese Unterscheidung ist kein vollständiges mechanisches Modell Gottes; sie bestimmt aber, welche Aussage tatsächlich auf Widerspruch geprüft werden muss.
4. Der Einwand darf keine andere Lehre widerlegen
Ein Widerspruch wäre, Gott sei eine Person und drei Personen in derselben Bedeutung, oder ein Wesen und drei Wesen im selben Sinn. Das behaupten wir nicht. Die Formel hält vielmehr unterschiedliche Aussagen der Schrift zusammen: eine ungeteilte Gottheit, drei wirkliche personale Beziehungen.
Wer daraus einen formalen Widerspruch ableiten will, muss zusätzlich begründen, dass jedes eine göttliche Wesen notwendig genau eine Person sein kann. Diese Voraussetzung stammt nicht schon aus dem Identitätsgesetz. Sie wäre selbst eine metaphysische These über Gott – und müsste gegen seine Offenbarung gerechtfertigt werden.
5. Was Leibniz und die Ersetzung von Namen tatsächlich ergeben
Leibniz’ Identitätsprinzip bleibt gültig: Was streng dieselbe Person ist, kann nicht zugleich Vater und Nichtvater desselben Sohnes sein. Die unterschiedliche Vaterschaft beweist deshalb, dass Vater und Sohn nicht dieselbe Person sind. Genau das bekennt die Trinitätslehre. Der weitere Schluss auf zwei göttliche Wesen benötigt eine zusätzliche These: Jede personale Verschiedenheit müsse eine getrennte Instanz der göttlichen Natur sein. Diese These folgt nicht aus dem Identitätsprinzip. Umgekehrt wäre es widersprüchlich, Vater und Sohn zunächst mit einem einzigen Individuum strikt gleichzusetzen und anschließend ihre Verschiedenheit zu behaupten. Eine tragfähige Erklärung muss daher ihre Wesensaussagen genauer bestimmen; das Wort „Beziehung“ ersetzt diese Arbeit nicht.
Auch „Gott wurde Mensch“ verlangt eine genaue Bezugnahme: Derjenige, der Mensch wurde, ist wahrer Gott, nämlich der Sohn. Der Satz behauptet weder „jede göttliche Person wurde Mensch“ noch „die göttliche Natur wurde zur menschlichen Natur“. Schon Thomas unterscheidet diesen konkreten Gebrauch von „Gott“ von der abstrakten Bezeichnung des Wesens.[3] Deshalb kann man „Gott“ hier nicht durch „Vater“ ersetzen. Dasselbe Prädikat „ist Gott“ zu erfüllen, macht die Personen nicht zu austauschbaren Eigennamen.
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- Norman L. Geisler, Baker Encyclopedia of Christian ApologeticsArtikel „Trinity“: Einheit Gottes, Unterscheidung der Personen und Widerspruchsfreiheit. Die Unterscheidung von Identität und Wesensprädikation wird hier ausdrücklich entfaltet.
- Thomas von Aquin, Summa theologiaeI, q. 39, a. 1–3: die Einheit des Wesens und die Unterscheidung der Personen.
- Thomas von Aquin, Summa theologiaeI, q. 39, a. 4: Der konkrete Gottesname kann für eine Person stehen; Wesen und Person dürfen sprachlich nicht vertauscht werden.