Der Einwand
Der Vater weiß „Ich bin der Vater“. Der Sohn kann das nicht wahrheitsgemäß von sich denken. Haben sie dann verschiedenes Wissen und damit verschiedene göttliche Geister?
1. Dasselbe Wort bezeichnet nicht immer denselben Sprecher
„Ich“ ist ein Ausdruck, dessen Bezug vom Sprecher abhängt. Wenn der Vater sagt „Ich bin der Vater“, und der Sohn denselben Wortlaut verwendet, behaupten sie nicht denselben Sachverhalt. Der erste Satz identifiziert den Vater; der zweite würde den Sohn fälschlich mit dem Vater identifizieren.
Aus unterschiedlichen Wahrheitswerten dieser Äußerungen folgt deshalb noch kein Wissensmangel. Allwissenheit verpflichtet niemanden, eine falsche Selbstidentifikation für wahr zu halten. Sie schließt vielmehr ein, jede Person als die zu erkennen, die sie ist.
2. Wissen um eine Beziehung ist nicht deren Besitz
Der Sohn kennt vollständig die Wahrheit, dass der Vater der Vater ist. Er muss dafür nicht selbst Vater des Sohnes sein. Ebenso macht vollständiges Wissen um die Schöpfung Gott nicht zum Geschöpf. Erkennen und Sein dürfen nicht ineinander aufgelöst werden.
Das Neue Testament verbindet gerade persönliche Unterscheidung mit einzigartiger gegenseitiger Erkenntnis: Der Vater kennt den Sohn, und der Sohn kennt den Vater; Matthäus 11,27 hebt dieses Verhältnis von geschöpflichem Erkennen ab. Die Differenz liegt beim erkannten und erkennenden „Wer“, nicht in einer Wahrheit, die dem anderen verborgen bliebe.
3. Die eigentliche philosophische Frage reicht weiter
Man kann nachfragen, ob Selbsterkenntnis eine besondere Weise des Wissens ist, die sich nicht vollständig in Aussagen aus der dritten Person übersetzen lässt. Das ist eine Frage nach der Struktur personalen Erkennens, nicht bereits der Nachweis dreier begrenzter Wissensbestände. Williams behandelt solche Selbstbezüge ausdrücklich als Gegenstand trinitarischer Modellbildung.[2]
Die klassische Unterscheidung setzt hier an: Die eine göttliche Erkenntnis ist keine vierte Person hinter Vater, Sohn und Geist. Sie ist ihre ungeteilte Vollkommenheit. Die Personen sind durch ihre Beziehungen unterschieden, nicht durch voneinander abgeschottete Informationsräume.[1]
4. Der Einwand benötigt eine zusätzliche Voraussetzung
Für den behaupteten Widerspruch müsste gezeigt werden, dass jede reale Ich-Du-Beziehung notwendig mehrere voneinander getrennte geistige Wesen voraussetzt. Unsere Erfahrung mit Menschen liefert dafür Beispiele, aber keinen Beweis über Gottes Seinsweise. Zugleich genügt es zur positiven Erklärung nicht, verschiedene Sprecherbezüge zu benennen: Ein Modell muss verständlich machen, wie personale Selbsterkenntnis mit einem ungeteilten göttlichen Erkenntnisakt zusammengehört.
Wir behaupten damit keine erschöpfende Psychologie Gottes. Wir weisen den konkreten Fehlschluss zurück: Dass der Sohn nicht der Vater ist und dies vollkommen weiß, widerspricht seiner Allwissenheit nicht. Eine Erkenntnis, die diese Unterscheidung verwischte, wäre gerade falsch.
5. Was die Rede von „Mentalese“ leisten soll
„Indexikalisch“ bezeichnet hier Ausdrücke wie „ich“, deren Bezug vom jeweiligen Sprecher abhängt. Es geht um personale Selbsterkenntnis. Davon ist die Frage zu unterscheiden, ob Gottes Wissen um „jetzt“ eine zeitliche Perspektive voraussetzt. Auch bezeichnet Williams’ Aufsatz Indexicals and the Trinity von 2013 keinen feststehenden antitrinitarischen Beweis, sondern entwickelt Erklärungsmodelle.[2]
Die Rede von einem gemeinsamen Mentalese – einer angenommenen Sprache des Denkens – präzisiert einen solchen Vorschlag: Ein gemeinsamer mentaler Ausdruck soll personal verschiedene Selbstbezüge erlauben. Williams verbindet dies mit numerisch gemeinsamen Erkenntnisvermögen und mentalen Tokens.[3] Die Schrift verpflichtet uns nicht auf sprachähnliche Bausteine des göttlichen Denkens. Wer diese Annahme ablehnt, hat deshalb zunächst dieses Modell kritisiert. Seine Schwäche wäre weder durch bloße Berufung auf Gottes Geheimnis behoben noch bereits ein Beweis gegen die Trinität. Zu zeigen bliebe, dass ungeteiltes Erkennen und reale persönliche Selbstunterscheidung überhaupt unvereinbar sind.
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- Thomas von Aquin, Summa theologiaeI, q. 29, a. 4: Personale Unterscheidung durch subsistierende Beziehung.
- Scott M. Williams, Indexicals and the Trinity: Two Non-Social ModelsJournal of Analytic Theology 1 (2013), S. 74–94; zur philosophischen Debatte über personale Selbstbezüge.
- Scott M. Williams, In Defense of a Latin Social Trinity: A Response to William HaskerFaith and Philosophy 37/1 (2020), S. 96–117; eigene Erläuterung gemeinsamer mentaler Vermögen und Tokens bei unterschiedlichem personalem Selbstbezug.