Der Einwand
Wenn Vater und Sohn dieselbe Gottheit besitzen, müsste auch der Vater leiden. Wenn der Sohn aber vom Vater verlassen wird, scheint ihre Einheit am Kreuz auseinanderzubrechen.
1. Nur der Sohn hat menschliche Natur angenommen
Die gemeinsame Gottheit bedeutet nicht, dass jede personale Beziehung und jede menschliche Erfahrung allen drei Personen zukommt. Der Vater ist nicht der Sohn; er wurde nicht in Bethlehem geboren. Die Menschwerdung ist das gemeinsame göttliche Werk, dessen personaler Träger der Sohn ist. Thomas unterscheidet dafür das Bewirken der Vereinigung von der Person, mit der die menschliche Natur vereinigt wird.[1]
Daher leidet der Sohn als Mensch. Der Vater besitzt nicht ebenfalls diese menschliche Natur und wird nicht mitgekreuzigt.
2. Jesu Ruf ist wirkliche Klage
Markus 15,34 nimmt den Anfang von Psalm 22 auf. Jesus spricht die Not des leidenden Gerechten aus. Das darf nicht zu einer bloßen Theatergeste verflacht werden: Sein Leiden und die Erfahrung ausbleibender Rettung sind wirklich. Er trägt unser Gericht und geht den Weg des Todes, statt vom Kreuz herab befreit zu werden.
Zugleich ist die Form der Klage aufschlussreich. Er ruft seinen Gott an. Selbst in der äußersten Not ist der Ruf Beziehung zu Gott, nicht die Erklärung, Gott existiere für ihn nicht mehr.
3. Verlassenheit ist keine Auflösung des göttlichen Wesens
Psalm 22 führt zur Erhörung und zum Lob Gottes. Vers 25 erklärt, dass Gott das Elend des Bedrängten nicht verachtet und sein Schreien gehört hat. Der Anfang darf deshalb weder von seinem leidvollen Ernst noch vom ganzen Psalm getrennt werden.
Die Aussage, Gott habe den Sohn im Leiden nicht vor dem Tod bewahrt, ist etwas anderes als die Behauptung, ihre gemeinsame Gottheit sei zertrennt worden. Die zweite Behauptung steht nicht im Kreuzesruf. Sie würde überdies aus dem Erlösungswerk eine zeitweilige Auflösung Gottes machen.
4. Das Kreuz ist Gottes gemeinsames Versöhnungshandeln
Johannes 16,32 spricht angesichts der kommenden Zerstreuung davon, dass der Vater beim Sohn ist. Paulus sagt, Gott versöhnte in Christus die Welt mit sich. Der Sohn begegnet am Kreuz also nicht einem ihm wesensfremden oder gegen seinen Willen handelnden Gott.
Die personale und die natürliche Unterscheidung erklären den Befund zusammen: Der Sohn leidet wirklich in seiner Menschheit; Vater und Sohn bleiben der eine Gott. Weder muss der Vater Mensch werden, damit das Kreuz Gottes Handeln ist, noch muss die Gottheit zerbrechen, damit Jesu Leiden ernst ist.[2]
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- Thomas von Aquin, Summa theologiaeIII, q. 3, a. 4: Gemeinsames göttliches Bewirken und personale Zuordnung der Menschwerdung.
- Konzil von Chalkedon, GlaubensdefinitionDie Unterscheidung der Naturen bleibt in der einen Person Christi erhalten.