Der Einwand
Der auferstandene Jesus nennt den Vater seinen Gott, ebenso in Offenbarung 3,12. Wer einen Gott über sich hat, scheint selbst nicht der höchste und wahre Gott sein zu können.
1. Derselbe Abschnitt enthält beide Aussagen
Johannes 20,17 berichtet Jesu Worte von seinem Gott. Nur wenige Verse später antwortet Thomas ihm mit der Anrede „mein Gott“. Jesus weist ihn nicht zurecht. Johannes erzählt also nicht zuerst einen Ausschluss der Gottheit Jesu und übersieht dann seinen eigenen Widerspruch. Er verbindet Jesu Beziehung zum Vater mit der Anerkennung seiner Gottheit.[1]
Eine tragfähige Auslegung muss beide Aussagen erklären. Eine einzelne davon zur Vorentscheidung über die andere zu machen, ist keine Erklärung des Kapitels.
2. Auferstehung hebt die Menschwerdung nicht auf
Jesus ist nicht nur für einige Jahrzehnte Mensch gewesen. Der Auferstandene zeigt seine Wunden, begegnet seinen Jüngern und bleibt ihr Herr als der für sie Gestorbene. Seine menschliche Beziehung zu Gott wird nicht dadurch unecht, dass er aufersteht.
Der eine Sohn besitzt wirklich menschliche Natur. Deshalb ist sein Vater auch der Gott, dem er als Mensch vertraut und dient. Thomas von Aquin unterscheidet entsprechend die Gleichheit des Sohnes in der Gottheit von seinem menschlichen Mittleramt.[2]
3. Es betet keine zweite Person innerhalb Jesu
Man darf die Antwort nicht so formulieren, als spräche „der Mensch Jesus“ neben dem göttlichen Sohn. Es ist der Sohn selbst, der als Mensch zum Vater spricht. Aussagen über seine menschlichen Beziehungen gelten von seiner Person, ohne damit automatisch seine göttliche Natur zu beschreiben.
Das ist dieselbe grundlegende Unterscheidung, die nötig ist, wenn das Neue Testament von der Geburt oder vom Tod des Sohnes spricht. Der Geborene ist der Sohn; seine göttliche Existenz beginnt deshalb nicht erst in Bethlehem.
4. Die Anrede macht den Vater nicht zum einzigen göttlichen Wesen
Der Einwand setzt voraus, dass die Person Jesu nur eine Natur haben könne. Unter dieser Voraussetzung würde sein menschliches Gottesverhältnis seine Gottheit tatsächlich ausschließen. Gerade diese Voraussetzung bestreitet aber das biblische Zeugnis der Menschwerdung.
Offenbarung 3,12 ändert daran nichts: Der erhöhte Christus bleibt derselbe menschgewordene Sohn. Er führt seine Gemeinde in die Gemeinschaft seines Gottes. Die Aussage beweist seine reale Unterscheidung vom Vater und seine bleibende menschliche Sendung. Sie beweist nicht, dass Johannes’ ausdrückliche Gottesanrede an Jesus uneigentlich gemeint sein müsste.
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- Robert L. Reymond, A New Systematic Theology of the Christian FaithJohannes 20,17 und 20,28 zusammen gelesen, S. 297–298.
- Thomas von Aquin, Summa theologiaeIII, q. 26, a. 2: Christi menschliches Mittleramt.