Der Einwand
Jesus unterscheidet seinen Willen vom Willen des Vaters und bittet darum, den Kelch nicht trinken zu müssen. Sind das nicht zwei gegensätzliche göttliche Willen – oder der Beweis, dass Jesus nur Mensch ist?
1. Das Ringen ist wirklich menschlich
In Lukas 22,42 steht Jesus vor dem Leiden und dem Tod. Der Kelch bezeichnet im biblischen Hintergrund göttliches Gericht; der sündlose Sohn geht den Weg der stellvertretenden Hingabe. Das menschliche Zurückschrecken vor diesem Leiden ist kein moralisches Versagen. Tod ist kein Gut, das man um seiner selbst willen lieben müsste.
Entscheidend ist die vollständige Bitte. Jesus bringt seine menschliche Abneigung gegen das Leiden im Gehorsam vor den Vater. Er stellt keinen eigenmächtigen Gegenplan auf. Das Gebet selbst vollzieht die Bereitschaft, den Willen des Vaters zu erfüllen.
2. Ohne menschlichen Willen gäbe es keinen menschlichen Gehorsam
Hebräer 5,8 sagt, dass der Sohn an dem, was er litt, Gehorsam lernte. Er wechselte damit nicht von Ungehorsam zu Gehorsam. Er durchlebte den Gehorsam unter den Bedingungen wirklichen Leidens. Ein menschlicher Körper ohne menschliches Wollen könnte diesen Gehorsam nicht leisten.
Die klassische Christologie bekennt deshalb zwei natürliche Willen: den göttlichen und den menschlichen. Beide gehören zu der einen Person des Sohnes. Thomas begründet das aus der Vollständigkeit der angenommenen Menschheit: Zu ihr gehört die Fähigkeit zu wollen genauso wie die Fähigkeit zu erkennen.[1]
Lukas 2,40.52 beschreibt ebenso wirkliches Wachstum an Weisheit. Der göttliche Sohn nimmt menschliches Erkennen an; er macht seine menschliche Entwicklung nicht zum Schauspiel. Seine göttliche Erkenntnis muss dafür nichts hinzulernen. Derselben Person werden menschlicher Zuwachs und göttliche Vollkommenheit in unterschiedlicher Hinsicht zugesprochen. Das wäre erst dann widersprüchlich, wenn seine menschliche Erkenntnis mit der ungeschaffenen göttlichen Erkenntnis gleichgesetzt würde.[3]
3. Unterschiedliche Gegenstände erklären das menschliche Ringen
Man kann dasselbe Geschehen unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachten. Als schmerzlicher Tod ist das Kreuz etwas, vor dem die menschliche Natur zurückschreckt. Als der vom Vater gewollte Weg der Rettung ist es das, was der Sohn bereitwillig vollbringt. Diese Unterscheidung erklärt, weshalb echte Todesangst und vollkommener Gehorsam zusammenbestehen können.
Thomas unterscheidet entsprechend zwischen dem natürlichen Zurückweichen vor Leiden und dem vernünftigen Wollen dieses Leidens um seines Zieles willen.[2] Damit wird Gethsemane nicht verharmlost. Gerade weil die menschlichen Kräfte Jesu wirklich menschlich sind, kostet sein Gehorsam Leiden.
4. Nicht zwei göttliche Parteien, sondern der menschgewordene Sohn
Die Trinitätslehre behauptet nicht drei voneinander unabhängige göttliche Willen. Vater, Sohn und Geist besitzen das eine göttliche Wesen. Gethsemane offenbart deshalb keinen innergöttlichen Streit zwischen einem rettungswilligen Vater und einem widerstrebenden göttlichen Sohn. Der Sohn nimmt menschliches Wollen an und lebt damit den gemeinsamen Heilswillen Gottes.
Johannes 10,17–18 beschreibt seine Lebenshingabe als freiwillig; Philipper 2,6–8 verbindet seine göttliche Stellung mit dem Gehorsam bis zum Kreuz. Die Texte ergänzen einander: Niemand zwingt einen widerwilligen Sohn zur Erlösung. Der ewige Sohn gibt sich selbst und vollzieht diese Hingabe als wirklicher Mensch. Sein Gebet ist damit ein Zeugnis seiner vollständigen Menschheit innerhalb seiner göttlichen Person.
Der Satz „mein Wille – dein Wille“ unterscheidet tatsächlich Sohn und Vater; die Christologie ersetzt diese Sprecher nicht durch zwei miteinander redende Naturen. Sie beantwortet eine andere Frage: In welcher Weise will der Sohn hier? Die Bitte, der Kelch möge vorübergehen, gehört zu seinem angenommenen menschlichen Leben. Dass er sie an den Vater richtet, macht sie nicht automatisch zum Ausdruck eines zweiten, entgegenstehenden göttlichen Willens.
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- Thomas von Aquin, Summa theologiaeIII, q. 18, a. 1: zwei natürliche Willen in Christus.
- Thomas von Aquin, Summa theologiaeIII, q. 18, a. 5–6: natürliches Zurückweichen vor dem Leiden und gehorsames Wollen seines Heilszwecks.
- Robert L. Reymond, A New Systematic Theology of the Christian FaithS. 222–225: Erkenntnisgrenzen des menschgewordenen Sohnes, personale Zuschreibung und Unterscheidung der Naturen.