Der Einwand
Jesus sagt, dass der Sohn den Tag und die Stunde nicht kennt, sondern nur der Vater. Wie kann derselbe Sohn allwissender Gott sein, wenn ihm diese Information fehlt?
1. Markus beschreibt mehr als einen gewöhnlichen Menschen
Markus 13,32 nennt nacheinander Menschen, die Engel im Himmel und den Sohn. Das „auch nicht der Sohn“ ist die überraschende Spitze der Aufzählung. Unmittelbar zuvor kommt der Menschensohn in Macht und Herrlichkeit und sendet die Engel aus, um seine Erwählten zu sammeln (13,26–27). Der Text stellt Jesus nicht einfach in die Reihe unwissender Menschen.
Diese Rangordnung allein beweist noch nicht seine volle Gottheit. Sie zeigt aber, dass man den Vers nicht von seinem hochchristologischen Zusammenhang lösen darf. Gerade der Herr der kommenden Vollendung spricht hier von einer Grenze seines Wissens.[1]
2. Die Schrift bezeugt auch sein göttliches Erkennen
Matthäus 11,27 verbindet die Erkenntnis des Sohnes durch den Vater mit der Erkenntnis des Vaters durch den Sohn. Johannes 16,30 und 21,17 bezeugen die alles umfassende Erkenntnis Jesu. Gleichzeitig berichtet Lukas 2,52, dass Jesus an Weisheit zunahm. Beide Arten von Aussagen gelten demselben Christus.
Der christliche Ausleger darf daher weder seine Gottheit gegen sein Menschsein noch sein Menschsein gegen seine Gottheit ausspielen. Die Frage lautet, wie der eine Sohn wahrhaft göttlich und wahrhaft menschlich erkennt. Die Schrift selbst macht diese Unterscheidung nötig.
3. Der Sprecher ist die Person; die Erkenntnisweise gehört zur Natur
Wenn Paulus sagt, der „Herr der Herrlichkeit“ sei gekreuzigt worden (1. Korinther 2,8), wurde nicht die göttliche Natur sterblich. Der eine göttliche Sohn erlitt den Tod seiner Menschheit nach. Der Name des Handelnden legt also nicht fest, dass jedes über ihn ausgesagte Prädikat seiner göttlichen Natur zukommen muss.
Derselbe Grundsatz gilt beim Wissen. „Der Sohn weiß es nicht“ ist eine wahre Aussage über den menschgewordenen Sohn hinsichtlich seiner menschlichen Erkenntnis. Daraus folgt nicht: Seine göttliche Erkenntnis ist begrenzt. Das wäre nur dann zwingend, wenn Menschwerdung bedeuten müsste, dass jede menschliche Fähigkeit des Sohnes selbst unendlich wird. Dann wäre seine Menschheit jedoch keine wirkliche Menschheit mehr.[1]
4. Der Widerspruch entsteht erst durch das Streichen der Unterscheidung
Ein logischer Widerspruch wäre: Christus weiß denselben Sachverhalt in derselben Erkenntnisweise zugleich und weiß ihn nicht. Die christologische Aussage lautet anders: Der Sohn besitzt ungeschaffene göttliche Erkenntnis und lebt mit wirklicher geschaffener menschlicher Erkenntnis. Das sind keine zwei Personen, sondern zwei naturgemäße Weisen des Erkennens im einen Sohn.[2]
Wie diese personale Einheit in ihrer ganzen Tiefe beschaffen ist, lässt sich nicht aus gewöhnlicher menschlicher Psychologie ableiten. Für die Widerlegung des behaupteten Widerspruchs ist jedoch entscheidend, dass seine stillschweigende Voraussetzung falsch ist: Vollständige Menschheit und vollständige Gottheit dürfen nicht zu einer einzigen gemischten Natur verschmolzen werden.
5. Der Vers verlangt Wachsamkeit, keine Herabstufung Jesu
Markus 13,33 führt unmittelbar zur Wachsamkeit der Jünger. Die Aussage ist kein Auftrag, den Sohn auf die Stufe eines Geschöpfes zu setzen. Ebenso wenig muss „nicht wissen“ in „nur nicht sagen wollen“ umgedeutet werden. Die hier vertretene Auslegung nimmt die menschliche Begrenzung ernst und hält zugleich an dem fest, was die übrige Schrift über die Gottheit desselben Sohnes lehrt.
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- Robert L. Reymond, A New Systematic Theology of the Christian FaithKap. 8, „The Ignorant Son“, S. 222–225. Die hier vertretene Erklärung folgt der Unterscheidung menschlicher und göttlicher Erkenntnis; ältere Ausleger beurteilen das menschliche Wissen Christi teilweise anders.
- Oshea Davis, Systematic TheologyAbschnitt über Jesus Christus, S. 257–258, mit Cheungs Modell zu einer Person und zwei Erkenntnisweisen. Als erläuternder Modellvorschlag, nicht als zusätzliche biblische Lehrformel.