Der Einwand
Die Namen Vater und Sohn wirken männlich und hierarchisch. Werden mit der Trinitätslehre nicht menschliche Geschlechter- und Machtordnungen auf Gott übertragen und anschließend geheiligt?
1. Gottes Wesen ist kein männlicher Organismus
Jesus sagt, dass Gott Geist ist. Vatersein bezeichnet daher bei Gott keine körperliche Geschlechtsausstattung oder geschlechtliche Fortpflanzung. Thomas unterscheidet entsprechend zwischen der Wahrheit einer Aussage über Gott und ihrer irrtümlichen Übertragung auf körperliche Eigenschaften.[1]
Das ist auch für das Menschenbild entscheidend: Nach 1. Mose 1,27 werden Mann und Frau als Gottes Bild geschaffen. Männlichkeit ist nicht der Anteil des Menschen, der allein zur Ähnlichkeit mit Gott berechtigte. Der menschgewordene Sohn ist wirklich ein Mann; daraus wird das göttliche Wesen nicht zu einem männlichen Körper.
2. Die Namen sind dennoch nicht beliebig austauschbar
Jesus lehrt seine Jünger, zum Vater zu beten, und spricht von seiner eigenen Beziehung zu ihm. Diese Namen gehören zur Offenbarung. Sie sind nicht bloß menschliche Bezeichnungen für frei austauschbare religiöse Funktionen.
Die Schrift kann zugleich Gottes Trost mit dem Trost einer Mutter vergleichen, etwa in Jesaja 66,13. Daraus folgt weder eine weibliche Körperlichkeit Gottes noch die Aufhebung des von Jesus gelehrten Vaternamens. Bildrede über Gottes Handeln und die offenbarte personale Beziehung von Vater und Sohn müssen unterschieden werden.[2]
3. Aus einer göttlichen Beziehung folgt keine menschliche Rangordnung
Wer aus Vatersein unmittelbar politische Herrschaft oder aus Sohnschaft menschliche Unterlegenheit ableitet, benötigt zusätzliche Prämissen. Menschen sind keine göttlichen Personen, und gesellschaftliche Ordnungen sind keine unmittelbaren Abbilder innergöttlicher Ursprungsbeziehungen.
Ebenso wenig lässt sich aus der trinitarischen Gemeinschaft ohne weitere Begründung ein bestimmtes modernes Gesellschaftsmodell ableiten. In beiden Richtungen droht dieselbe Projektion: Eine bevorzugte menschliche Ordnung wird zunächst in Gott hineingelesen und anschließend mit seiner Autorität versehen.
4. Jesu ausdrückliche Weisung korrigiert Machtmissbrauch
Markus 10,42–45 stellt herrschsüchtige Machtausübung dem Dienst gegenüber, den Jesus von seinen Jüngern verlangt. Gerade der Sohn, der göttliche Würde besitzt, gibt sein Leben als Lösegeld. Wer seinen Namen zur Selbstüberhöhung benutzt, handelt gegen die von ihm gegebene Weisung.
Missbrauch einer Lehre ist kein Beweis gegen ihren Wahrheitsgehalt. Er muss aber an diesem Wahrheitsgehalt aufgedeckt werden. Die angemessene Antwort streicht deshalb weder Gottes offenbarte Namen noch heiligt sie jede menschliche Autorität. Sie lässt Gottes Wort bestimmen, was die Namen bedeuten und wie Christen miteinander umgehen sollen.
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- Thomas von Aquin, Summa theologiaeI, q. 3, a. 1: Gott ist kein Körper; körperliche Redeweisen müssen ihrem Aussagegehalt nach verstanden werden.
- Thomas von Aquin, Summa theologiaeI, q. 29, a. 4: Personale Beziehungen sind keine körperlichen Bestandteile Gottes.