Der Einwand
Auch Könige empfangen Niederwerfung, Propheten wirken Wunder und Jünger verkündigen Vergebung. Jesu besondere Vollmacht könnte also vollständig von Gott verliehen sein, ohne dass Jesus selbst Gott ist.
1. Einzelne Gesten reichen nicht aus
Eine Niederwerfung kann Ehrerbietung gegenüber einem König ausdrücken. Ein Wunder kann durch einen Propheten geschehen. Die bloße Beobachtung solcher Handlungen beweist deshalb noch nicht, dass ihr Empfänger oder Ausführender Gott ist. Der entscheidende Fehler wäre aber, aus dieser begrenzten Beobachtung eine vollständige Erklärung aller Aussagen über Jesus abzuleiten.
Die Frage lautet: Welche Art von Verehrung und welche Reichweite von Vollmacht beschreibt der jeweilige Text?
2. Johannes 5 verbindet Handeln mit gleicher Ehre
Jesus spricht davon, dass der Sohn wie der Vater die Toten lebendig macht und dass alle den Sohn ehren sollen, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, entehrt damit den Vater. Es geht nicht nur um Respekt vor einem zuverlässigen Boten. Das Verhältnis zu Jesus entscheidet über die angemessene Verehrung Gottes.
Auch seine Aussage, nichts von sich selbst zu tun, wird so verständlich: Sie bestreitet ein vom Vater getrenntes Handeln. Sie beschränkt ihn nicht auf einen kleinen Ausschnitt göttlicher Wirksamkeit. Was der Vater tut, tut der Sohn ebenso.
3. Die Offenbarung unterscheidet Geschöpf und Anbetungsgegenstand
In Offenbarung 19,10 weist der Engel die Niederwerfung zurück und verweist auf die Anbetung Gottes. In Kapitel 5 empfängt dagegen das Lamm zusammen mit dem auf dem Thron Sitzenden den Lobpreis der gesamten Schöpfung. Der Text stellt das Lamm nicht unter die anbetenden Geschöpfe, sondern auf die Seite des Empfängers ihrer umfassenden Verehrung.[1]
Eine einzige höfische Geste könnte mehrdeutig sein. Der ausdrücklich universale Lobpreis innerhalb eines Buches, das Geschöpfverehrung abweist, besitzt einen anderen Aussagewert.
4. Die Gemeinde wendet sich an Jesus selbst
Stephanus bittet Jesus, seinen Geist aufzunehmen. Paulus bezeichnet Christen als Menschen, die den Namen Jesu anrufen. Solche Aussagen beschreiben nicht lediglich Gebete an Gott, in denen Jesus beiläufig erwähnt wird. Jesus ist selbst der Adressat des vertrauenden Anrufs.[1]
Der Schluss beruht daher auf der Verbindung von Texten: gleiche Ehre mit dem Vater, universale Verehrung, lebensschaffendes Handeln und unmittelbare Anrufung. Wer nur auf die Mehrdeutigkeit eines einzelnen Wortes verweist, beantwortet diesen Zusammenhang noch nicht. Die Schrift zeigt den Sohn als den, in dessen Verehrung der Vater geehrt wird, weil ihre göttliche Herrlichkeit nicht miteinander konkurriert.
5. Warum empfängt Jesus Vollmacht, wenn er Gott ist?
Johannes 5,27 nennt für die übertragene Gerichtsvollmacht ausdrücklich seine Stellung als Menschensohn. Daniel 7,13–14 beschreibt entsprechend die Einsetzung in eine umfassende, bleibende Herrschaft. Solche Sätze betreffen ein Amt und seine Ausübung in der Heilsgeschichte. Sie behaupten nicht, dass der Empfänger vorher weder göttliche Natur noch göttliche Macht besaß.
Matthäus 28,18 spricht nach der Auferstehung von der Vollmacht des menschgewordenen Messias. Derselbe Auftrag verbindet ihn mit dem Vater und dem Geist und verheißt seine bleibende Gegenwart bei den Jüngern. Empfangenes messianisches Königtum und ewige Gottheit sind daher keine Gegensätze. Der Einwand müsste erst beweisen, dass jede Einsetzung in ein Amt die bisherige Nichtgöttlichkeit des Eingesetzten voraussetzt. Diese Regel steht in keinem der drei Texte.[2]
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- Robert L. Reymond, A New Systematic Theology of the Christian FaithChristusanrufung und Verehrung: paulinische Christologie und Offenbarung.
- Robert L. Reymond, A New Systematic Theology of the Christian FaithS. 225–226, „The Son of the Triune Name“: die empfangene umfassende Vollmacht in Matthäus 28,18 im Zusammenhang von Taufauftrag und bleibender Gegenwart.