Der Einwand
Zeugen Jehovas verstehen Jesus als Gottes erstes Geschöpf und identifizieren ihn mit Michael. Kolosser 1,15 nennt ihn den Erstgeborenen aller Schöpfung; 1. Thessalonicher 4,16 verbindet sein Kommen mit der Stimme eines Erzengels.
1. „Erstgeborener“ ist nicht dasselbe Wort wie „Erstgeschaffener“
Der Ausdruck prōtotokos kann einen Vorrang in Rang und Erbrecht bezeichnen. In Psalm 89,28 wird der davidische König zum Erstgeborenen gemacht und unmittelbar als der Höchste unter den Königen der Erde erläutert. Der Titel ist also nicht durchweg eine Aussage über die Reihenfolge der Geburt.
In Kolosser 1 entscheidet deshalb der folgende Begründungssatz: Christus ist Erstgeborener aller Schöpfung, weil in ihm alles geschaffen wurde (Vers 16). Paulus begründet den Vorrang mit der universalen Schöpferstellung, nicht mit der Behauptung, Christus sei als Erster hergestellt worden.
2. „Alle anderen Dinge“ trägt die gewünschte Folgerung in den Text ein
Die Neue-Welt-Übersetzung ergänzt in Kolosser 1,16–17 „andere“ beziehungsweise „other“. Das entsprechende griechische Wort steht dort nicht.[1] Eine solche Ergänzung müsste aus dem Zusammenhang gerechtfertigt werden. Sie kann nicht zugleich als Beweis dafür dienen, dass Christus selbst zur geschaffenen Gesamtheit gehört.
Paulus entfaltet diese Gesamtheit ausdrücklich: Himmel und Erde, Sichtbares und Unsichtbares, Throne, Herrschaften, Mächte und Gewalten. Alles ist durch ihn und für ihn geschaffen; er ist vor allem und erhält alles im Bestand. Gerade himmlische Mächte werden eingeschlossen. Die Lesart „ein Geschöpf schafft alle übrigen“ setzt die umstrittene Ausnahme voraus, statt sie aus dem Satz zu gewinnen.
3. Hebräer 1 unterscheidet den Sohn von der Engelwelt
Die Frage „Zu welchem der Engel hat er jemals gesagt …?“ in Hebräer 1,5 trennt den Sohn von der gesamten Gruppe. Die Engel sollen ihn verehren; über den Sohn wird anschließend als bleibenden Herrn und Schöpfer gesprochen (1,6–12). Die Gegenüberstellung lautet nicht: ein besonders hochrangiger Engel gegen niedrigere Engel.[2]
Damit steht die Identifikation Jesu als geschaffenem Erzengel gegen einen ausdrücklich ausgeführten Argumentationsgang. Die Zeugen Jehovas vertreten diese Identifikation tatsächlich; sie ist jedoch eine Schlussfolgerung ihrer Auslegung, keine wörtliche biblische Aussage „Jesus ist Michael“.[3]
4. Die Begleitumstände der Wiederkunft bestimmen nicht Jesu Natur
1. Thessalonicher 4,16 beschreibt das Kommen des Herrn mit Befehlsruf, Erzengelstimme und Gottes Posaune. Selbst wenn man die Stimme auf Jesu eigenes Rufen bezieht, folgt daraus nicht, dass er seiner Natur nach ein geschaffener Engel ist. Die Beschreibung seiner königlichen Ankunft ist keine Definition seines Wesens.
Die klaren Schöpferaussagen müssen daher die Deutung der Begleitbilder bestimmen. Der Sohn steht über allen geschaffenen Mächten, weil sie durch ihn und für ihn bestehen. Die Schrift ehrt ihn nicht als höchsten Teil der Schöpfung, sondern als ihren göttlichen Herrn.
5. Das gesamte Modell muss die Texte erklären
Zum Einwand gehören auch Johannes 14,28 und Offenbarung 3,14. „Der Vater ist größer“ steht im Zusammenhang des Weggangs des menschgewordenen Sohnes zum Vater; der Satz definiert keine geringere göttliche Natur. Derselbe Evangelist verlangt für den Sohn die gleiche Ehre wie für den Vater (5,23). „Anfang der Schöpfung“ bedeutet ebenfalls nicht schon „erstes Geschöpf“: Das Wort kann den Ursprung bezeichnen, und die Offenbarung nennt sogar Gott selbst Anfang und Ende (21,6). Für die genaue Begründung siehe die weiterführenden Antworten.
Die Geistfrage ist gesondert zu beantworten. Die Zeugen Jehovas verstehen ihn als Gottes aktive Kraft.[4] Doch in Apostelgeschichte 13,2.4 beansprucht der Geist ein Werk als sein eigenes, beruft Menschen und sendet sie; in 1. Korinther 12,11 verteilt er die Gaben nach seinem Willen. Die Rede vom Ausgießen beschreibt seine Gabe und Wirkung. Sie hebt diese personale Darstellung nicht auf. Man kann die Texte daher nicht schon dadurch erklären, dass man den Sohn unter die Geschöpfe und den Geist unter unpersönliche Wirkungen einordnet. Gerade diese beiden Einordnungen sind exegetisch zu begründen und scheitern an den genannten Zusammenhängen.
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- Neue-Welt-Übersetzung: Kolosser 1Primärquelle: Übersetzung mit „all other things“ in Vers 16–17.
- John M. Frame, The Doctrine of GodKap. 28, S. 684–685: Kolosser 1,15–18, Erstgeborenentitel und Schöpfungsmittlerschaft.
- Zeugen Jehovas: Wer ist der Erzengel Michael?Primärdarstellung der Identifikation Jesu mit Michael und ihrer Begründung.
- Zeugen Jehovas: What Is the Holy Spirit?Eigene Darstellung des Heiligen Geistes als aktive Kraft Gottes; Abgrenzung von der Personalität.