Der Einwand
Hebräer 1,8 zitiert einen Königspsalm. „Gott“ könnte dort ein Ehrentitel sein oder „Gott ist dein Thron“ bedeuten. Außerdem hat dieser Gesalbte selbst einen Gott. Beweist das wirklich seine volle Gottheit?
1. Der Brief argumentiert durch eine Folge von Schriftworten
Hebräer 1 stellt den Sohn den Engeln gegenüber. Sie sind Diener; er ist Erbe, Schöpfungsmittler und Träger aller Dinge. Die anschließenden Zitate entfalten diese bereits angekündigte Stellung. Ein einzelner Ausdruck darf deshalb nicht so isoliert werden, dass die Richtung des gesamten Kapitels verschwindet.
Die Frage lautet nicht nur, was Psalm 45 in seinem ursprünglichen königlichen Zusammenhang sagen konnte. Sie lautet auch, was der Hebräerbrief durch seine Zusammenstellung der Schriftworte über den Sohn aussagt.
2. Die Gottesanrede hat sprachliches Gewicht
Die Wiedergabe „Dein Thron, o Gott“ passt zur direkten Anrede des Königs und zur Einführung als Wort an den Sohn. Die Alternative „Gott ist dein Thron“ ist als grammatische Deutung diskutierbar; sie ist aber keine durch den Artikel erzwungene Übersetzung. Artikel und Nominativform schließen eine Anrede nicht aus.[1]
Vers 9 nennt dann den Gott des Gesalbten. Der Brief kennt beide Bestimmungen: den Sohn in göttlicher Würde und denselben Sohn als den Gesalbten in Beziehung zu Gott. Er will die eine Aussage nicht durch die andere aufheben.
3. Das nächste Zitat sprengt die bloße Ehrentiteldeutung
Die Verse 10–12 schließen mit „und“ an und sprechen den Herrn an, der Erde und Himmel gegründet hat. Sie nehmen Psalm 102 auf, in dem der leidende Beter Gottes Beständigkeit gegenüber der Vergänglichkeit der Schöpfung bekennt. Im Hebräerbrief steht auch dieses Wort im Zeugnis über den Sohn.[1]
Es geht damit nicht bloß um einen König, der Gottes Recht repräsentiert. Der Sohn steht auf der Seite dessen, der die Schöpfung hervorbringt und bleibt, wenn sie vergeht. Seine Jahre enden nicht; die Welt ist sein Werk. Diese Prädikate bestimmen die Reichweite der vorhergehenden Gottesanrede.
4. Erniedrigung und Herrlichkeit gehören demselben Sohn
Der folgende Brief beschreibt ausführlich sein Leiden, seinen Gehorsam und sein priesterliches Handeln. Der Autor muss dafür die Aussagen des ersten Kapitels nicht zurücknehmen. Sein Thema ist gerade der göttliche Sohn, der unsere menschliche Lage annimmt.
Wer Hebräer 1 auf einen repräsentativen Titel reduziert, erklärt vielleicht ein Wort aus Psalm 45. Er erklärt noch nicht die Schöpferaussagen aus Psalm 102 und den gezielten Gegensatz zwischen Sohn und dienenden Engeln.
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- Robert L. Reymond, A New Systematic Theology of the Christian FaithHebräer 1,8–12, S. 274–277: Anrede und Verbindung der Psalmzitate.