Der Einwand
Auch der geheilte Blinde sagt in Johannes 9,9 „Ich bin es“. Jesu Worte vor Abraham könnten daher bloß seinen Vorrang in Gottes Plan ausdrücken, ohne wirkliche Präexistenz oder Gottheit zu behaupten.
1. Der Zusammenhang unterscheidet zwei ganz verschiedene Aussagen
In Johannes 9,9 beantwortet der Mann die Frage nach seiner Identität: Er ist der bekannte Bettler. In Johannes 8,57–58 geht es dagegen um Jesus und Abraham. Auf den Einwand, er sei noch keine fünfzig Jahre alt, antwortet Jesus, bevor Abraham wurde, sei er. Die gleiche Wortverbindung erfüllt also nicht dieselbe Funktion.
Abrahams Eintritt in die Geschichte wird mit genesthai, „werden/entstehen“, bezeichnet; Jesus spricht mit egō eimi, „ich bin“, von sich. Die Gegenüberstellung richtet den Blick auf sein Sein vor Abraham. Der Satz sagt nicht: Mein Auftrag ist wichtiger als Abrahams Auftrag. Eine rein ideale Präexistenz ist keine Antwort auf den tatsächlichen Gesprächsgang.[1]
2. Die anderen Präexistenztexte erklären die Aussage
Johannes 6,62 spricht von der Rückkehr des Menschensohnes dorthin, wo er zuvor war. Johannes 16,28 beschreibt eine zusammenhängende Bewegung: vom Vater ausgegangen, in die Welt gekommen, die Welt verlassend, zum Vater gehend. Wenn nur die Rückkehr wirklich wäre, das vorherige Sein beim Vater aber nur ein Gedanke, würde die natürliche Struktur dieser Aussagen zerbrechen.
Johannes 17,5 erklärt zudem, dass Jesus Herrlichkeit beim Vater hatte, bevor die Welt war. Daher kann Johannes 8,58 nicht auf eine Vorrangstellung beschränkt werden, die Jesus lediglich in Gottes Vorherwissen besaß. Der Sprecher beansprucht personale Präexistenz.
3. Die Sprache erinnert an Gottes Selbstbezeugung
Die göttlichen „Ich bin“-Aussagen des Alten Testaments bilden den weiteren Hintergrund. Besonders eng ist der Zusammenhang zwischen Jesaja 43,10 und Johannes 13,19: Vorhersage soll zur Erkenntnis führen, wer der Sprecher ist. Johannes lässt Jesus in diesem Offenbarungszusammenhang sprechen, nicht lediglich in der Alltagssprache einer Personenidentifikation.
Man sollte dabei nicht behaupten, Johannes 8,58 sei einfach ein vollständiges wörtliches Zitat von 2. Mose 3,14. Die griechischen Formulierungen sind nicht identisch. Das Argument beruht auf dem Netz göttlicher Selbstbezeugung, Jesu vorweltlichem Sein und der Gesamtchristologie des Evangeliums – nicht auf zwei magischen griechischen Wörtern.
4. Die Reaktion bestätigt den Konflikt, ersetzt aber nicht die Exegese
Die anschließende Steinigungsabsicht zeigt, dass Jesu Aussage den Streit zuspitzt. Gegner können Jesus jedoch missverstehen; ihre Empörung allein beweist seine Gottheit nicht. Der tragende Beleg ist, was Jesus sagt, und wie Johannes es durch den Prolog, die Präexistenztexte und Thomas’ Gottesbekenntnis auslegt.
Das Ergebnis ist deshalb stärker als „Andere fanden den Satz gotteslästerlich“: Der Jesus, der innerhalb der Geschichte spricht, beansprucht ein Sein, das nicht mit Abraham und nicht einmal mit der Welt beginnt. Johannes 1,1–3 bestimmt dieses Sein als das ungeschaffene Sein des göttlichen Wortes.
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- Robert L. Reymond, A New Systematic Theology of the Christian FaithKap. 8, „The Son’s Eternal Preexistence“, S. 230–232; Johannes 8,58 und die johanneischen Präexistenztexte.