Der Einwand
Viele Briefe nennen im Gruß nur Gott den Vater und Jesus Christus. Auch neben dem Thron scheint kein eigener Thron für den Geist zu stehen. Wurde seine Gottheit erst nachträglich hinzugefügt?
1. Schweigen besitzt nur unter einer Voraussetzung Beweiskraft
Eine Auslassung widerlegt eine Lehre nur dann, wenn der betreffende Text alle einschlägigen Personen vollständig aufzählen müsste. Ein Briefgruß besitzt diese Funktion nicht. Er benennt die Segensquelle in einer bestimmten Form; er verspricht keine vollständige Abhandlung über Gottes inneres Leben.
Schon der Römerbrief zeigt die Grenze des Arguments. Der Gruß nennt Vater und Sohn, während Kapitel 8 das Leben der Christen ausführlich durch Gottes Geist bestimmt. Aus dem kürzeren Gruß kann man nicht herauslesen, was der Brief später ausdrücklich entfaltet.
2. Andere Segensformeln nennen den Geist ausdrücklich
Der Schlusssegen des zweiten Korintherbriefes verbindet Christi Gnade, Gottes Liebe und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Die unterschiedliche Form der Grüße zeigt somit keine frühe Einigkeit über einen Ausschluss des Geistes. Sie zeigt verschiedene Weisen, dasselbe Heilshandeln anzusprechen.[1]
Zudem sind Vater, Sohn und Geist in ihrer Sendung nicht austauschbar. Dass der Geist auf Christus verweist und die Gemeinde in die Gemeinschaft des Vaters führt, erklärt eine unterschiedliche thematische Hervorhebung, ohne eine geringere Natur zu erfordern.
3. Visionen sprechen in Bildern
In Offenbarung 5 erscheint Christus als geschlachtetes Lamm. Niemand sollte daraus schließen, seine menschliche Gestalt bestehe aus sieben Hörnern. Ebenso kann das Fehlen eines dritten Sitzmöbels nicht über die Gottheit des Geistes entscheiden. Ein Thronbild ordnet nicht drei göttliche Körper räumlich nebeneinander an.
Die sieben Geister vor dem Thron, die Lampen und die sieben Augen des Lammes werden häufig als Darstellung der Fülle des göttlichen Geistes verstanden. Andere Deutungen sehen himmlische Geister. Die Symbolik muss ausgelegt werden; sie ist weder ein einfaches Gegenargument noch ein selbsterklärender Personenbeweis.
4. Lehre wird nach Aussagekraft, nicht nach Nennungshäufigkeit bestimmt
Der Geist kennt Gottes Tiefen, wohnt als göttliche Gegenwart in der Gemeinde und wirkt als der lebendig Machende. Diese Aussagen werden nicht unwahr, wenn ein anderer Abschnitt ihn nicht ausdrücklich nennt. Auch Christi volle Menschheit hängt nicht davon ab, dass jeder Gruß sie erwähnt.
Der Einwand verwechselt Häufigkeit mit ontologischem Rang. Die unterschiedliche Darstellung der Personen gehört zum biblischen Zeugnis. Ihre Gottheit ist daran zu beurteilen, was die Texte tatsächlich von ihnen aussagen.
5. Beweist eine spätere Lehrklärung eine spätere Erfindung?
Dass über den Geist lange gestritten wurde, zeigt zunächst eine Schwierigkeit in der Aufnahme und Erklärung des Schriftzeugnisses. Es beweist nicht, dass dieses Zeugnis erst während des Streits entstand. Man muss zwei Zeiten unterscheiden: wann eine Aussage in den apostolischen Schriften vorliegt und wann die Kirche ihre Bedeutung gegenüber einem bestimmten Einwand ausdrücklich festhält.
Basilius begründet seine Verteidigung des Geistes gerade mit Apostelgeschichte 5, 1. Korinther 12 und der Taufformel. Er diskutiert, weshalb der Geist nicht als Diener unter Vater und Sohn gestellt werden darf.[2] Diese Argumente müssen am biblischen Text geprüft werden; ihr späterer kirchlicher Gebrauch macht sie weder wahr noch falsch. Die Antwort auf eine weniger ausführliche frühe Formulierung ist deshalb die genaue Exegese der vorhandenen Aussagen, nicht das bloße Datum einer späteren Lehrentscheidung.
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- John M. Frame, The Doctrine of GodKap. 28, S. 686–687: Stellung des Geistes in Segen, Offenbarung und göttlichem Wirken.
- Basilius von Caesarea, Über den Heiligen GeistKap. 16, Abschnitte 37–40, und Kap. 18, Abschnitte 44–45: Schriftbegründung des gemeinsamen göttlichen Wirkens und der ungeteilten Gottheit.