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CHRISTOlogisch · Trinität · F03

Ist Christus die geschaffene Weisheit aus Sprüche 8?

3 Minuten Lesezeit · Mit Bibeltexten und Quellen

Der Einwand

In Sprüche 8,22 sagt die Weisheit, der HERR habe sie am Anfang seines Weges geschaffen. Paulus nennt Christus Gottes Weisheit. Folglich muss Christus das erste Geschöpf sein.

1. Das Argument braucht zwei zusätzliche Voraussetzungen

Die Folgerung funktioniert nur, wenn erstens die Sprecherin in Sprüche 8 ohne Weiteres mit der Person des Sohnes identisch ist und zweitens jede Aussage über diese poetische Gestalt buchstäblich dessen göttlichen Ursprung beschreibt. Beides muss bewiesen werden. Der Titel „Gottes Weisheit“ in 1. Korinther 1,24 allein leistet das nicht.

Paulus nennt Christus in 1. Korinther 1,30 auch Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung. Damit wird nicht jede alttestamentliche Aussage über diese Begriffe automatisch zu einer unmittelbaren Aussage über Christi göttliches Wesen.

2. Sprüche lässt die Weisheit als Frau auftreten

Die Weisheit ruft auf Straßen, lädt zu ihrem Haus und bereitet ein Mahl; ihr steht Frau Torheit gegenüber (Sprüche 8–9). Das ist die literarische Gestalt einer Lehrrede. Ihr Vorrang vor der Schöpfung begründet, warum Menschen auf sie hören sollen: Gottes Welt ist nicht weisheitslos gebaut.

Wer ihre Geburt als wörtliche Entstehung des Sohnes liest, muss erklären, weshalb er gerade dieses Bild buchstäblich nimmt, die weibliche Gestalt, das Haus und das Mahl aber anders. Eine christologische Erfüllung oder typologische Beziehung ist möglich; sie beseitigt nicht die ursprüngliche Bildsprache.

3. Eine Wortdebatte allein löst den Zusammenhang nicht

Das hebräische qanah in Vers 22 kann erwerben oder besitzen bedeuten und wird in diesem Zusammenhang auch als erschaffen verstanden. Die griechische Übersetzung hat tatsächlich ektisen, „schuf“. Man sollte diese Lesart nicht durch die falsche Regel abweisen, nur das hebräische bara könne Schöpfung ausdrücken.[1]

Doch selbst die Übersetzung „schuf“ beantwortet noch nicht, auf welcher literarischen Ebene die Weisheit spricht. Gottes Weisheit als göttliche Vollkommenheit kann nicht irgendwann begonnen haben; sonst wäre Gott zuvor ohne Weisheit gewesen. Die poetische Herkunftssprache stellt ihren Vorrang und ihre Zugehörigkeit zu Gott dar. Sie ist kein Bericht darüber, wie Gott erstmals weise wurde.

4. Die ausdrücklichen Aussagen über den Sohn bestimmen die christologische Anwendung

Johannes 1,3 sagt, dass alles Gewordene durch das Wort geworden ist und nichts ohne es. Kolosser 1,16–17 stellt alle geschaffenen Mächte unter Christus und sagt, dass er vor allem ist. Soll Sprüche 8 auf Christus bezogen werden, muss diese Anwendung mit den ausdrücklichen Aussagen über seine Schöpferstellung übereinstimmen.

Die alte Auslegung hat die Herkunftssprache deshalb auch auf seine ewige Sohnschaft oder auf sein Wirken für die Schöpfung bezogen. Diese Deutungen sind nicht identisch. Keine muss aber einen Zeitpunkt behaupten, an dem der Sohn noch nicht war. Das entscheidende Gegenargument lautet: Eine poetische Weisheitsgestalt darf nicht gegen die eindeutige Unterscheidung zwischen dem ewigen Wort und allem Gewordenen ausgespielt werden.

Bibeltexte im Zusammenhang

Quellen und Vertiefung

  1. Wayne Grudem, Biblische DogmatikKap. 14, S. 255–256: Sprüche 8 und die Bedeutungsfrage zu qanah. Seine spezielle Deutung als Beginn des Schöpfungswirkens wird hier nicht als einzig mögliche Erklärung vorausgesetzt.
  2. Robert L. Reymond, A New Systematic Theology of the Christian FaithS. 299–305: das ewige Wort und die umfassende Schöpfungsmittlerschaft in Johannes 1.
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