Der Einwand
Übersetzer schreiben „Er“ und „Herr“ groß und wählen theologisch aufgeladene Begriffe. Die ausdrückliche Gottheit Jesu erscheine zudem erst im späten Johannesevangelium. Ist sie nicht eine Entwicklung nach Jesus?
1. Typografie begründet keine Gottheit
Die Großschreibung eines Pronomens kann Ehrfurcht ausdrücken. Sie ist kein Beweis aus dem griechischen Text. Auch die deutsche Schreibweise „HERR“ erklärt zunächst eine Übersetzungskonvention. Eine sorgfältige Verteidigung muss daher zeigen, was ein Satz behauptet, unabhängig davon, wie eine Ausgabe ihn typografisch gestaltet.
Entscheidend sind etwa das Schaffen aller Dinge, die vorweltliche Existenz, die Gottesanrede und die universale Verehrung. Diese Aussagen verschwinden nicht, wenn man die Großbuchstaben entfernt.
Das gilt auch für Artikel und Pronomen. In Johannes 1,1 muss die Entscheidung zwischen „Gott“, „göttlich“ und „ein Gott“ aus Satzbau und Zusammenhang erklärt werden; die persönliche Glaubensüberzeugung des Übersetzers entscheidet sie nicht.[2] Beim Geist darf weder ein deutsches „er“ noch ein griechisches sächliches Wort als Ersatz für die Aussagen über sein Handeln dienen. Eine Übersetzung kann voreingenommen sein. Ob sie es an einer bestimmten Stelle ist, zeigt jedoch der Vergleich mit dem Ausgangstext, nicht ihre Übereinstimmung mit einer Lehre.
2. Paulus setzt eine außergewöhnlich hohe Christologie voraus
1. Korinther 8,6 ordnet Jesus dem Handeln zu, durch das alles existiert. Philipper 2 verbindet ihn mit Gottesgestalt und universaler Huldigung. Diese Briefe gehören zu den frühen erhaltenen christlichen Zeugnissen; die hohe Christologie muss daher nicht erst aus dem Johannesevangelium in eine angeblich unitarische Frühzeit zurückgetragen werden.[1]
Paulus argumentiert dabei mit Christus, um konkrete Gemeindefragen zu klären. Die Aussagen stehen nicht als isolierte spätere Lehrkapitel am Rand. Sie bestimmen sein Verständnis von Gottesverehrung, Demut und christlichem Leben.
3. Auch die Gebetssprache ist aufschlussreich
1. Korinther 16,22 bewahrt mit „Maranatha“ eine aramäische Wendung, gewöhnlich als Bitte um das Kommen des Herrn verstanden. Die genaue Aufteilung der aramäischen Wörter wird diskutiert. Der Bezug auf Jesus im christlichen Hoffnungshorizont bleibt jedoch bedeutsam.
Das ist kein vollständiger Beweis eines ausgearbeiteten nicänischen Vokabulars in jeder frühen Gemeinde. Es zeigt aber, dass die Hinwendung zu Jesus als Herrn nicht einfach als spätgriechische Neuerfindung erklärt werden kann.
4. Verschiedene Evangelien müssen nicht identisch formulieren
Markus 2 stellt Jesu Vergebungshandeln in den Zusammenhang der Frage, wer Sünden vergeben könne außer Gott. Johannes entfaltet seine Identität anders und ausdrücklicher. Unterschiedliche Darstellung ist nicht schon ein Widerspruch oder eine fortlaufende Erfindung.
Eine Entwicklungsthese müsste erklären, warum bereits frühe Texte Jesus in Schöpfung, Anrufung und Gottesverehrung einbeziehen. Die bloße Beobachtung, Johannes verwende besonders deutliche Formulierungen, genügt dafür nicht. Unsere Begründung ruht auf den tatsächlichen Aussagen verschiedener Schriften, nicht auf ehrfürchtiger Übersetzertypografie.
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- Robert L. Reymond, A New Systematic Theology of the Christian FaithPaulinische Christologie und ihre zentralen Texte.
- NET Bible, Johannes 1,1–18Anmerkung zu Artikelgebrauch und qualitativer Bedeutung von theos in Johannes 1,1.