Der Einwand
Wer die Trinität als Geheimnis oder Voraussetzung allen Denkens bezeichnet, scheint sie gegen jede Prüfung abzuschirmen. Könnte man auf diese Weise nicht jede beliebige Lehre verteidigen?
1. Ein Geheimnis hat bestimmten Inhalt
„Wir wissen nicht alles“ ist nicht gleichbedeutend mit „wir behaupten nichts Bestimmtes“. Die Trinitätslehre schließt drei Götter, einen geschaffenen Sohn und bloße Rollen einer einzigen Person aus. Damit besitzt sie prüfbare inhaltliche Grenzen. Ein echter Widerspruch wird nicht dadurch wahr, dass man ihn ehrfürchtig ausspricht.
Das Geheimnis liegt in der nicht erschöpfend erfassten Weise des göttlichen Seins. Es liegt nicht darin, dass Vater und Sohn zugleich dieselbe und nicht dieselbe Person sein sollen.
Dieser Maßstab gilt auch gegenüber anderen Weltanschauungen: Ein wirklicher Widerspruch ist dort wie hier unzulässig. Zugleich darf ein bloß behaupteter Widerspruch dort wie hier durch eine begründete Unterscheidung beantwortet werden. Christliche Gewissheit berechtigt nicht dazu, für die eigene Darstellung andere Schlussregeln zu beanspruchen.
2. Denken beginnt nicht in einem voraussetzungslosen Raum
Jede Prüfung setzt Wahrheit, begründbare Schlüsse und eine Beziehung zwischen unserem Erkennen und der Wirklichkeit voraus. Wir Christen verstehen diese Bedingungen im Licht des Gottes, der die Welt erschafft, erkennt und sich wahrhaftig offenbart. Kolosser 2,3 verortet die Schätze der Weisheit und Erkenntnis in Christus.
Der presuppositionale Ansatz fragt deshalb auch den Einwand nach seinen eigenen Grundlagen: Warum sollten seine Maßstäbe wahrheitsfähig und verbindlich sein? Bosserman entfaltet diese Frage im Anschluss an Van Til.[1] Es geht um die Begründung der Prüfung selbst, nicht um ein Verbot zu denken.
3. Einheit und Verschiedenheit sind in Gott keine Feinde
Erkenntnis braucht unterscheidbare Dinge und verlässliche Zusammenhänge. In einer vollständig unterschiedslosen Wirklichkeit gäbe es nichts zu unterscheiden; in einer völlig zusammenhanglosen Vielheit nichts begründet zu verbinden. Im dreieinigen Gott sind Einheit und reale personale Verschiedenheit ursprünglich zusammen gegeben. Poythress erläutert die geschöpflichen Entsprechungen dieses Zusammenhangs.[2]
Das ist jedoch keine isolierte Rechnung, die aus dem Wort „Vielheit“ genau drei Personen ableitet. Die Dreizahl und die Identität von Vater, Sohn und Geist erkennen wir aus Gottes Offenbarung. Thomas warnt ebenfalls davor, die Personen durch unzureichende natürliche Demonstrationen beweisen zu wollen.[3]
Damit ist auch die Reichweite eines Arguments über Einheit und Vielheit bestimmt: Es kann zeigen, warum unsere geordnete Erkenntnis im dreieinigen Gott ihren Grund hat. Allein die Wörter „Einheit“ und „Vielheit“ liefern aber weder die Zahl drei noch die Namen Vater, Sohn und Geist. Ebenso wenig sind damit schon sämtliche Alternativen einzeln widerlegt. Ihre jeweiligen Voraussetzungen müssen geprüft werden. Presuppositionales Denken bedeutet, diese Arbeit unter Gottes Offenbarung zu leisten; es bedeutet nicht, eine fehlende Schlussfolgerung durch den Verweis auf Voraussetzungen zu ersetzen.
4. Gewissheit muss nicht mit vollständiger Erklärung verwechselt werden
Unser Ausgangspunkt ist Gottes Selbstbezeugung, nicht ein neutrales Tribunal über ihm. Gerade deshalb dürfen wir seine Wahrheit nicht durch unsaubere Schlüsse verteidigen. Wir erklären Begriffe, prüfen Textzusammenhänge und weisen konkrete Zusatzannahmen eines Einwands nach.
Die Behauptung „Das setzt Gott voraus“ ersetzt diese Arbeit nicht. Sie benennt ihren letzten Grund. Ein beliebiges Dogma wird dadurch nicht gleichberechtigt: Es müsste seinerseits zeigen, dass es Gottes Offenbarung zutreffend wiedergibt und die beanspruchten Erkenntnisbedingungen tatsächlich trägt.
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- B. A. Bosserman, The Trinity and the Vindication of Christian ParadoxErörterung von Van Tils trinitarischem Erkenntnisansatz und der Frage nach Einheit und Vielheit; Anmerkungen 338–361.
- Vern S. Poythress, Making Sense of the WorldS. 10–11: Einheit, Verschiedenheit und Harmonie im Licht des dreieinigen Gottes.
- Thomas von Aquin, Summa theologiaeI, q. 32, a. 1: Grenzen einer natürlichen Demonstration der göttlichen Personen.