Der Einwand
Vornicänische Theologen reden teilweise von einer Unterordnung des Sohnes und verwenden unklare Vorstellungen über seinen Ursprung. Ein einheitlicher trinitarischer Glaube von Anfang an scheint daher rückblickend konstruiert.
1. Die frühe Theologie war nicht sprachlich einheitlich
Es wäre historisch falsch, jeden frühen christlichen Autor so zu lesen, als habe er bereits die sorgfältig abgegrenzten Begriffe späterer Bekenntnisse benutzt. Manche Formulierungen bleiben aus späterer Sicht missverständlich oder sachlich problematisch. Christliche Geschichtsschreibung muss das nicht glätten.
Daraus folgt aber ebenso wenig, dass alle frühen Autoren moderne Unitarier waren. Zwischen „noch nicht vollständig nicänisch formuliert“ und „der Sohn ist nur ein Mensch oder Geschöpf“ liegt ein erheblicher Unterschied. Jeder Text muss mit seinen eigenen positiven Aussagen gelesen werden.
2. Tertullian zeigt Klärung und verbleibende Spannung zugleich
In Gegen Praxeas, Kapitel 2, bekennt Tertullian eine göttliche Substanz und unterscheidet Vater, Sohn und Geist. Er wendet sich gegen die Gleichsetzung ihrer Personen und gegen drei getrennte Götter. Zugleich verwendet er Ausdrücke wie Rang, Form und Erscheinungsweise, die später genauer eingegrenzt werden mussten.[1]
Man darf weder die Unterscheidung und Einheit bei ihm übersehen noch jeden seiner Ausdrücke ungeprüft zum endgültigen Modell erklären. Sein Text bezeugt eine schon vorhandene trinitarische Fragestellung und einen wirklichen begrifflichen Arbeitsprozess.
3. „Unterordnung“ kann Verschiedenes meinen
Bei einer Aussage über Unterordnung ist zu fragen: Beschreibt sie die Sendung des Sohnes, seinen Gehorsam als Mensch, eine ewige personale Herkunftsbeziehung oder eine geringere göttliche Natur? Diese Aussagen sind nicht austauschbar. Nur die letzte macht den Sohn seinem Wesen nach zu einem niedrigeren Gott oder Geschöpf.
Dass Jesus gesandt wird und gehorcht, steht im Neuen Testament. Dass deshalb seine göttliche Natur minderwertig sein müsse, steht dort nicht. Die spätere Klärung dient gerade dazu, diese Folgerung zu verhindern. Wo ein früher Autor sie tatsächlich zieht, ist ihm aufgrund der Schrift zu widersprechen.
4. Die Kirche empfängt die Wahrheit; sie erzeugt sie nicht
Die Autorität eines Apostels und die eines späteren Auslegers sind nicht gleich. Weder eine problematische Formulierung Justins noch eine gelungene Formulierung Tertullians entscheidet aus sich heraus die Gotteslehre. Beide stehen unter dem Urteil der apostolischen Schrift.
Die Entwicklung kann daher beides enthalten: Bewahrung ursprünglicher Wahrheit und Korrektur früherer Unklarheit. Das ist keine Ausrede, sondern folgt aus dem Unterschied zwischen unfehlbarer Offenbarung und fehlbarer Auslegung. Der Nachweis früher Unterschiede widerlegt eine behauptete durchgehende sprachliche Einheit. Er widerlegt nicht die biblischen Aussagen, aus denen die nicänische Unterscheidung von geschaffen und ungeschaffen gewonnen wurde.[2]
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- Tertullian, Gegen PraxeasKap. 2–3: eine Substanz, drei Personen und die damalige Terminologie.
- John M. Frame, The Doctrine of GodKap. 28, S. 638–639: neutestamentliches Zeugnis als Ausgangspunkt der späteren Lehre.