Der Einwand
Viele Menschen verstehen die Begriffe Wesen und Person nicht. Wenn die Trinität zentral ist, müsste man scheinbar erst eine schwierige philosophische Lehre beherrschen, bevor man Christus glauben und ewiges Leben empfangen kann.
1. Christus rettet, nicht die bestandene Dogmatikprüfung
Johannes 6,47 verbindet das ewige Leben mit dem Glauben an Christus. Epheser 2,8–9 beschreibt die Rettung als Gottes Gabe, nicht als Ergebnis menschlicher Leistung. Das schließt auch eine intellektuelle Leistung als Verdienst aus. Niemand erkauft das ewige Leben durch eine vollständig gelöste Lehre vom göttlichen Wesen.
Die Trinität ist deshalb nicht ein Zusatzwerk neben dem Glauben. Sie sagt, wer der Gott ist, der rettet: Der Vater sendet den Sohn, der Sohn gibt sich hin, und der Geist wirkt in den Glaubenden. Die Rettung ist trinitarisch begründet, auch wenn ein Glaubender diese Zusammenhänge erst nach und nach versteht.[1]
2. Wirklich kennen ist nicht dasselbe wie vollständig erklären
Ein Mensch kann jemandem wahrhaft vertrauen, ohne dessen Wesen erschöpfend beschreiben zu können. Beim unendlichen Gott ist dieses Verhältnis noch grundlegender. Die Jünger gehörten zu Jesus, bevor sie die ganze Tragweite seiner Person, seines Todes und seiner Auferstehung verstanden hatten.[2]
Johannes 20,30–31 nennt als Ziel des Evangeliums den Glauben an Jesus als Christus und Sohn Gottes und das Leben in seinem Namen. Das Evangelium führt seine Leser deshalb zur Erkenntnis dieses Sohnes. Es verlangt keine vorherige Beherrschung späterer Fachbegriffe.
3. Unverständnis und bewusste Leugnung sind verschieden
Aus fehlender Begriffssicherheit darf man nicht unmittelbar auf fehlenden Glauben schließen. Ein unsicherer Christ kann mit „Person“ drei Körper meinen oder „Wesen“ als vierte Person missverstehen. Seine falsche Vorstellung von einer Formel ist noch nicht notwendig eine bewusste Zurückweisung dessen, was die Schrift über Christus sagt.
Anders ist die Behauptung, der offenbarte Sohn sei grundsätzlich nicht der, als den ihn die Schrift bezeugt. 1. Johannes 2,22–23 verbindet die Leugnung des Sohnes mit dem Verlust der rechten Beziehung zum Vater. Daraus folgt die Ernsthaftigkeit der Gottesfrage; daraus folgt keine Erlaubnis, jeden verwirrten Menschen anhand eines einzelnen ungeschickten Satzes endgültig zu beurteilen.
4. Die Antwort führt zu Christus und dann tiefer in sein Wort
Wir sollten einem fragenden Menschen zunächst zeigen, wem er glaubt und was dieser Herr verheißt. Danach erklären wir sorgfältig, weshalb Jesus wahrer Gott und wahrer Mensch ist und weshalb seine Beziehung zum Vater keine zweite Gottheit voraussetzt. Lehre dient dem Glauben und seiner Festigung.
Die Haltung lautet daher weder „Die Gottheit Jesu ist belanglos“ noch „Du musst Gottes Wesen erschöpfend begreifen“. Gottes Gabe wird im Glauben empfangen; der Inhalt dieses Glaubens wird durch Gottes Selbstoffenbarung bestimmt. Gerade weil Christus zuverlässig rettet, dürfen Christen mit Gewissheit lernen, ihren Retter immer genauer zu erkennen.
5. Die Apostel verkündigen den Retter, keine Fachprüfung
Die Predigten der Apostelgeschichte verlangen keine vorweggenommene Kenntnis späterer Konzilsbegriffe. Aber daraus folgt nicht, ihre Verkündigung besitze keinen trinitarischen Inhalt. Petrus verkündigt in Apostelgeschichte 2,32–33 den auferstandenen und erhöhten Jesus, der vom Vater den verheißenen Geist empfängt und ihn ausgießt. Die Namen stehen in einer bestimmten Heilshandlung zusammen. Die spätere Lehre soll erklären, wer hier handelt; sie ersetzt das Evangelium nicht durch eine zusätzliche intellektuelle Leistung.
Apostelgeschichte 16,31 ruft zum Glauben an den Herrn Jesus. Gegenstand des Glaubens ist der wirkliche Christus, der für unsere Sünden gestorben und auferstanden ist (1. Korinther 15,3–4), nicht das Bestehen eines Begriffstests. Auch die Heilswarnungen des Athanasianums besitzen keine von der Schrift unabhängige Vollmacht. Soweit sie als Forderung vollständiger metaphysischer Einsicht verstanden werden, dürfen sie nicht als zusätzliche Heilsbedingung gelten. Fehlende Fachkenntnis und die Verwerfung des offenbarten Sohnes sind verschiedene Sachverhalte. Die Antwort auf theologische Unklarheit ist darum sorgfältige Unterweisung; sie erlaubt kein vorschnelles Urteil über das Heil eines Menschen.
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- John M. Frame, The Doctrine of GodKap. 28, S. 638–639: die trinitarische Gestalt des Heils. Die soteriologischen Schlussfolgerungen dieses Artikels werden aus den angeführten Bibeltexten entwickelt.
- Wayne Grudem, Biblische DogmatikKap. 14, Abschnitt B: begrenztes, aber wahres Verstehen der Trinität. Hier als begriffliche Hilfe, nicht als Quelle sämtlicher soteriologischer Positionen.