Der Einwand
Israels Gott ist einer, unvergleichlich und kein Mensch. Drei göttliche Personen und ein menschgewordener Gott scheinen daher den Grundlagen der hebräischen Bibel zu widersprechen.
1. Die Einheit Gottes wird nicht eingeschränkt
Das Schma in 5. Mose 6,4 ist auch für Christen verbindlich. Jesus bekräftigt es in Markus 12,29. Wir glauben nicht an drei Götter und fügen Israels Gott keine weitere Gottheit hinzu. Die strittige Frage ist, ob der eine Gott notwendig nur eine Person sein kann. Diese zusätzliche Bestimmung steht nicht schon in der Zahl „eins“.
Jüdische Gotteslehren sind nicht in jeder Einzelheit gleich. Eine einflussreiche klassische Formulierung bietet Maimonides: Gottes Einheit ist weder eine Gattungseinheit vieler Exemplare noch die Einheit eines aus Teilen zusammengesetzten Körpers.[1] Gerade solche Zusammensetzung und Vervielfältigung verwirft auch die klassische Trinitätslehre.
2. „Gott ist kein Mensch“ hat einen Zusammenhang
4. Mose 23,19 stellt Gottes Treue menschlicher Lüge und Unbeständigkeit gegenüber. Die Frage lautet: Wird Gott sein zugesagtes Wort brechen? Der Satz beschreibt nicht jede mögliche Beziehung Gottes zur menschlichen Natur und formuliert kein Verbot einer künftigen Menschwerdung.
Christen behaupten zudem nicht, die göttliche Natur sei von sich aus menschlich oder habe sich in einen Körper verwandelt. Johannes 1,14 sagt, dass das ewige Wort Fleisch wurde. Der Handelnde ist der göttliche Sohn; er nimmt wirkliche Menschheit an, ohne aufzuhören, Gott zu sein. Die Unterscheidung der Naturen wahrt gerade Gottes Unveränderlichkeit.
3. Die apostolische Christusverkündigung liest Israels Schrift
Hebräer 1,10–12 bezieht Worte aus Psalm 102 über den bleibenden Schöpfer auf den Sohn. Philipper 2,10–11 nimmt die universale Huldigung aus Jesaja 45,23 auf und verbindet sie mit dem Bekenntnis Jesu als Herrn. Es wird nicht eine fremde Gottheit neben den HERRN gestellt; der Sohn wird in dessen unvergleichliche Herrschaft einbezogen.[2]
Damit ist der Streitpunkt benannt: Wir erkennen die apostolische Auslegung als von Gott autorisierte Erschließung seiner früheren Offenbarung an. Ein Leser, der das Neue Testament nicht anerkennt, teilt diese Voraussetzung nicht. Man sollte diesen Unterschied offenlegen, statt eine neutrale Wortstatistik vorzutäuschen.
4. Die Menschwerdung macht Gott nicht abhängig von der Welt
Der Sohn wird nicht erst durch die Schöpfung zum Sohn. Seine Gemeinschaft mit dem Vater besteht vor der Welt (Johannes 17,5.24). Die Menschwerdung ist ein freier Heilsakt des bereits vollkommenen Gottes. Gott benötigt keinen Körper, um Gott zu sein; der Sohn nimmt einen Leib und eine menschliche Seele an, um als wahrer Mensch zu retten.
Der christliche Anspruch lautet deshalb: Israels Gott hat sich in Christus offenbart. Ob dieser Anspruch wahr ist, entscheidet sich an dieser Offenbarung und ihrem Schriftzeugnis. Die Behauptung „ein Gott, also keine personale Unterscheidung und keine Menschwerdung“ setzt dagegen genau das voraus, was sie erst beweisen müsste.
Bibeltexte im Zusammenhang
Quellen und Vertiefung
- Maimonides, Grundlagen der Tora, Kapitel 1Abschnitte 7–8: Einheit und Unkörperlichkeit. Als jüdische Primärquelle, nicht als Darstellung aller jüdischen Positionen.
- Robert L. Reymond, A New Systematic Theology of the Christian FaithAbschnitt über Christi Gottheit; S. 311–312: alttestamentliche Aussagen über den HERRN, die auf Christus bezogen werden.