Ich gefragt, wie ich den 1. Johannesbrief verstehe. Kurz gesagt:
Ich sehe 1Joh nicht als „Testbuch, ob man wirklich wiedergeboren ist“, sondern als einen Brief an Gläubige, der zeigen will, wie wir in Gemeinschaft mit Gott und miteinander (laut
1Joh 4,20 nicht zu trennen) leben und dadurch volle Freude haben können.
Adressaten und Ziel: Gemeinschaft & Freude
Die Adressaten sind klar Gläubige: Johannes spricht durchgehend von „Kindern“, „Vätern“, „Jünglingen“, von Leuten, die den Vater kennen, der ihnen die Sünden vergeben hat usw. (z.B. 2,12–14).
Der entscheidende Punkt ist wohl, dass ich den Programmsatz des ganzen Briefes gleich am Anfang verortet sehe und was - wie ich finde - eine kaum zu leugnende Plausibilität hat:
„…was wir gesehen und gehört haben, verkündigen wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und dies schreiben wir, damit unsere / eure Freude vollkommen sei.“ (1Joh 1,3–4, sinngemäß)
Also:
- Grundlage: die apostolische Botschaft über das fleischgewordene Leben des Sohnes (1,1–2).
- Ziel: Gemeinschaft (koinonia) mit den Aposteln, dem Vater und dem Sohn.
- Frucht dieser Gemeinschaft: vollkommene Freude.
Das erinnert stark an Apg 2,42: „Sie verharrten in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft…“ – erst die apostolische Lehre, daraus Gemeinschaft. Genau das entfaltet 1Joh. m. E.
Die „Dies habe ich euch geschrieben“-Sätze
Die Tests-des-Lebens-Lesung ist historisch gesehen der Mehrheitsstrom, die Tests-der-Gemeinschaft-Lesung eher eine moderne Korrekturbewegung darauf. Viele Ausleger verstehen 5,13 als Überschrift über den ganzen Brief; ich halte es – im Licht der anderen ‚Dies habe ich euch geschrieben‘-Stellen – eher für eine Zusammenfassung von 5,9–12.
Das Problem, das ich dabei sehe: Johannes benutzt die Formulierung („dies schreibe ich euch/dies habe ich euch geschrieben“) mehrfach, und sie bezieht sich m.E. jedes Mal auf den näheren Kontext, nicht automatisch auf das ganze Schreiben.
Die wichtigsten Stellen (1,4; 2,1; 2,21; 2,26; 5,13):
-
1Joh 1,4 – „Dies schreiben wir, damit eure Freude vollkommen sei“
⇒ Bezieht sich auf 1,1–3: das apostolische Zeugnis, das in die Gemeinschaft hineinführt. -
1Joh 2,1 – „Dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt“
⇒ Direkt bezogen auf 1,5–10: Gott ist Licht, Umgang mit Sünde, Bekenntnis statt Leugnung. -
1Joh 2,21 – „Ich habe euch nicht geschrieben, weil ihr die Wahrheit nicht kennt, sondern weil ihr sie kennt…“
⇒ Bezieht sich auf den Abschnitt über Wahrheit/Lüge und den Antichristen kurz davor. -
1Joh 2,26 – „Dies habe ich euch geschrieben im Blick auf die, die euch verführen.“
⇒ Offensichtlich nur der Abschnitt über Irrlehrer und Salbung/Lehre (2,18–27), nicht der ganze Brief.
Genau an 2,26 sieht man m.E. am deutlichsten, dass dieses „Dies habe ich euch geschrieben“ keine globale Überschrift über das ganze Schreiben sein kann, sondern jeweils den unmittelbaren Abschnitt zusammenfasst.
Wie ich es sehe, hat man eine sehr entscheidende Vorentscheidung getroffen, die das Gesamtverständnis maßgeblich bestimmt und fälschlicherweise zu einer Introspektion geführt hat, die der eigentlich beabsichtigten Sicherheit nur allzu oft zuwiderläuft.“
Was meint dann 1Joh 5,13?
Der Kontext von 5,13 sind die Verse 5,9–12:
Gott hat über seinen Sohn Zeugnis abgelegt; wer an den Sohn glaubt, hat dieses Zeugnis in sich; und das Zeugnis lautet:
„Gott hat uns ewiges Leben gegeben, und dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das Leben nicht.“ (5,11–12, sinngemäß)
Dann kommt 5,13:
„Dies habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, die ihr an den Namen des Sohnes Gottes glaubt.“
Also:
- Angesprochen sind diejenigen, die bereits glauben.
- Ziel ist nicht, sie in Zweifel zu stürzen, sondern ihre Gewissheit zu stärken: „damit ihr wisst, dass ihr… habt“.
- Inhaltlich knüpft 5,13 direkt an 5,9–12 an (Gottes Zeugnis über den Sohn und das in ihm gegebene Leben), nicht an eine lange Liste von „Tests“, ob sie vielleicht doch keine echten Gläubigen sind.
Natürlich gibt es im Brief „Prüfkriterien“, aber ich würde sie eher als Gemeinschafts-Indikatoren verstehen („wandeln wir im Licht? lieben wir einander? halten wir an der Wahrheit über Christus fest?“) – nicht als forensische Echtheits-Beweise für die Wiedergeburt.
Die drei Hauptthemen, die Gemeinschaft fördern oder zerstören
Wenn man den Brief unter dem Leitgedanken Gemeinschaft → Freude liest, ordnen sich die Inhalte m.E. sehr gut in drei große Bereiche:
-
Umgang mit Sünde (Licht-Thema)
- 1,5–2,2; 3,4–10 usw.
- Sünde bricht nicht das ewige Leben ab, aber sie stört die Gemeinschaft und verhindert die Freude. Man vgl. Paulus in 2. Korinther 1,24: „…wir sind Mitarbeiter an eurer Freude; denn ihr steht durch den Glauben.“
- Lösung: im Licht gehen, bekennen, auf den Fürsprecher Jesus vertrauen (2,1–2).
- Umgang mit Geschwistern (Liebe-Thema)
- 2,7–11; 3,11–18; 4,7–21.
- Hass, Bitterkeit und Lieblosigkeit sind Kennzeichen der Finsternis (fleischlicher Wandel) und stören die Gemeinschaft mit Gott (Jes 59,1-2) und nehmen uns die Freude an Gott. (Wandel im Fleisch bei Gläubigen: 1Kor 3,1–3; Röm 8,12–13; Gal 5,13–21; 1Petr 2,11; 1Kor 5,1–5.9–11; 1Kor 6,1–8)
- Wer in der Liebe bleibt (Wandel im Geist), bleibt in Gott und erfährt das Leben und den Segen daraus. (Vgl. Joh 5,24: das ewige Leben (punktuell aus Gnade) durch Glauben haben vs. 1Tim 6,12: das ewige Leben durch (willentlichen, ausdauernden, lohnorientierten) Glaubenskampf ergreifen, was wunderbar harmoniert mit Joh 10,10: Leben und Fülle des Lebens haben.
- Umgang mit Irrlehrern und Wahrheit (Wahrheits-Thema)
- 1Joh 2,18–27; 4,1–6.
- Wenn die Christologie verrutscht („Jesus ist nicht der Christus“, „nicht im Fleisch gekommen“), wird die Grundlage der Gemeinschaft massiv angegriffen.
- Deshalb der Aufruf: im ursprünglichen apostolischen Evangelium „verbleiben“.
Diese drei Bereiche erklären m.E., warum so viele Christen das ewige Leben zwar besitzen, aber seine Fülle kaum erfahren:
- tolerierte Sünde,
- zerstörte Beziehungen zu Geschwistern,
- Abdriften von der klaren Lehre über Christus.
All das zerstört Gemeinschaft und damit die vollkommene Freude, die Johannes als Ziel des Briefes nennt (1,3–4). Und genau diese Freude ist nach Neh 8,10 „unsere Stärke“ – geistliche Kraft, um im Glauben voranzugehen, Licht zu sein und Frucht zu bringen und vor dem Richterstuhl Christi später reich belohnt zu werden. 2 Petrus 1,5-7 ruft sehr deutlich zu einem geistlichen Wachstum auf, bei dem am Ende die Liebe steht und somit ein reifer Glaube, der durch die Liebe wirksam ist. Vers 9 sagt konsequenterweise, dass diese Dinge vorhanden sein und zunehmen können und sollen und einen nicht träge und fruchtleer sein lassen. Wenn Christen also nicht allen Fleiß aufwenden (2Petr 1,5.10) und ihre Berufung und Erwählung fest machen, stehen sie in der Gefahr blind und kurzsichtig zu werden, sogar die Vergebung der früheren Sünden zu vergessen, und zu straucheln (2Petr 1,9). Letztendlich geht es aber nicht darum, dass ob man in den Himmel kommt oder nicht, auch nicht um forensische Echtheits-Beweise, sondern um einen reichlichen oder mageren Eingang in das ewige Reich Jesu Christi.
Darum würde ich 1Joh so zusammenfassen:
1Joh ist ein Brief an wiedergeborene Gläubige, der zeigt, wie das bereits besessene ewige Leben in gelebter Gemeinschaft mit Gott und den Geschwistern zur vollen Freude wird – und wie Sünde, Lieblosigkeit und Irrlehre diese Erfahrung blockieren.
In diesem Rahmen verstehe ich 5,13 nicht als „globalen Echtheits-Test“, sondern als eine der typischen Zusammenfassungsformeln des Johannes, die den jeweiligen Abschnitt (hier 5,9–12) auf den
Punkt bringt:
Gott will, dass Glaubende wissen, dass sie ewiges Leben haben – und aus dieser Gewissheit heraus in Licht, Liebe und Wahrheit leben.
